Diese Moritat erzählt von einem Mann im langen Mantel, der Nacht für Nacht seine Ware anbietet: Pulverlein, Wässerlein, Phiolen und Versprechen. Mit ruhiger Stimme, kaltem Witz und routinierter Geschäftigkeit verkauft er Hoffnung gegen Geld – und findet stets Abnehmer. Die Klientel kommt freiwillig, wartet geduldig, glaubt bereitwillig.
Was hier gehandelt wird, sind weniger Mittel als Gewissheiten. Angst, Erlösung, Zugehörigkeit. Niemand wird gezwungen, niemand überzeugt – alles geschieht im Einverständnis. Der Händler bleibt dabei seltsam unspektakulär: kein Dämon, kein Prophet, nur ein Mann, der sein Geschäft versteht und weiterzieht, sobald es erledigt ist.
Die Moritat entfaltet ihr Grauen leise. Der Ton ist kühl, der Humor schwarz, die Bilder grotesk und doch vertraut. Am Ende bleibt keine große Enthüllung, sondern ein schlichtes Fazit: Wer jedes Versprechen glaubt, zahlt mehr als Geld.
Eine dunkle Jahrmarktsgeschichte über Verführung, Selbsttäuschung und den Preis des unbedingten Weiterlebens – erzählt ohne Pathos, ohne Trost, mit einer Moral, die so alt ist wie der Markt selbst.
Ähm, Parallelen zur Neuzeit sind vollkommen unbeabsichtigt …
Wenn du Leben willst…
(C) Rainer Wittmann (2026)
[VERS 1]
Er stand dort unten schon ’ne ganze Weile,
sah so aus als wäre er in Eile,
öffnete flugs so dann und wann den Mantel lang,
um zu zeigen seine Sachen, die, Sie werden lachen,
mit Geld zu kaufen waren, unter der Hand.
Die Kundschaft, man glaubt es kaum, kam disparat
voller Erwartung, blieb bis tief in die Nacht,
um Zinnsoldaten gleich zu warten.
Zu kaufen von dem Mann im Mantel lang,
Pulverlein und Wässerlein, während dieser sang:
[CHORUS]
Wenn du Leben willst, dann helf‘ ich dir,
hab Schaben-Schweiß und Maus-Getier.
Schnecken-Schleim und Spinnenhaar,
Zecken-Suppe auch noch da.
Wenn du weiterleben willst, dann bleibe hier,
nimm die Phiole von dem Ungetier,
es wird dich retten aus der Not,
nimm sie – sonst bist du schneller tot.
[VERS 2]
Der Mann im Mantel lang, des Feilschens mächtig,
zog sodann aus seiner Tasche Larven prächtig,
das weiße Schaf, es gab die reine Wolle,
Die Kundschaft war völlig von der Rolle.
„Setzet auf das Masken-Haar“, rief er laut,
„schützt euch selbst und des andern Haut!
Ihr müsst glauben, dass es hilft euch allen,
auch wenn die Worte ab jetzt verhallen.“
[VERS 3]
Die Kundschaft gab dem Manne alle Taler hart,
manch einer opferte gar seine Kinder zart,
denn wenn es geht ums ewig‘ Leben,
ist sich dann jeder selbst der Nächste, eben.
Zufrieden zog die Kundschaft von dannen,
Larven auf den Fratzen, mit Gift-Phiolen behangen,
glaubten sie daran, ewig zu leben, doch dann,
so war es halt, fielen sie um, der Reihe nach. Kabumm!
[BRIDGE]
Der Mann im Mantel, der zog weiter,
Taschen voller Silber und ganz heiter,
an den nächsten Ort zu neuen Taten,
fing er wieder an zu singen – mal raten?
[CHORUS]
Wenn du Leben willst, dann helf‘ ich dir,
hab Schaben-Schweiß und Maus-Getier.
Schnecken-Schleim und Spinnenhaar,
Zecken-Suppe auch noch da.
Wenn du weiterleben willst, dann bleibe hier,
nimm die Phiole von dem Ungetier,
es wird dich retten aus der Not,
nimm sie – sonst bist du schneller tot.
[OUTRO]
Und die Moral von der Geschicht‘:
Glaub nicht alles, dummer Wicht.
Hör auf die, die dich lieben,
sie werden dich niemals belügen.


Very, very nice 👏🏻👏🏻👏🏻
Thank you so much 🙂