Dieses Lied ist aus einer beruflichen Auseinandersetzung mit der Geschichte des Egerlandes entstanden. Ich habe mich mit historischen Quellen, Zeitzeugenberichten und familiären Überlieferungen beschäftigt – aus dem Wunsch heraus, zu verstehen, was es bedeutet, wenn Heimat nicht durch einen gewollten Umzug verloren geht, sondern durch Entscheidungen, die über Menschen hinweg getroffen wurden.
Mich haben dabei neben den politischen Zuschreibungen auch die konkreten Lebensrealitäten interessiert: Menschen, die in einer über Jahrhunderte gewachsenen Kulturlandschaft geboren wurden, in der Herkunft nichts war, das man erklären musste. Höfe, Handwerk, Sprache, Musik und Alltag bildeten eine Selbstverständlichkeit, die plötzlich infrage gestellt wurde. Nicht von heute auf morgen, sondern schleichend. Aus Zugehörigkeit wurde Begründungspflicht. Aus Alltag Vorsicht.
Besonders berührt haben mich die Geschichten vom Übergang – vom Warten, vom Schweigen, von der Unsicherheit. Von Familien, die zunächst bleiben durften, aber wussten, dass dieses Bleiben nur auf Zeit war. Von Listen, Stempeln und Vorgaben, die Gesichter ersetzten. Von der nüchternen Anweisung, nur das mitzunehmen, was man tragen konnte. Zwanzig Pfund Gepäck für eine Reise ohne Ziel. Der Rest eines Lebens blieb zurück.
Diese Erzählungen sind keine Ausnahmen. Sie stehen stellvertretend für viele Biografien, für Generationen, die in den Kriegszeiten in Deutschland und den Anrainerstaaten gelernt haben weiterzuleben, obwohl etwas Wesentliches unerreichbar geworden war. Der Verlust zeigte sich nicht nur im Weggehen, sondern im Blick zurück – auf eine Heimat, die im Erinnern nah blieb, im Leben jedoch fern.
Musikalisch wollte ich dieser Geschichte Raum geben, ohne sie zu erklären oder zu bebildern. Ich habe sie bewusst in die Moderne getragen, um dem heutigen Ohr ein Anknüpfen zu eröffnen. Der Chor öffnet den Blick vom Einzelnen auf das Gemeinsame. Es geht nicht um Anklage, sondern um Erinnerung, Würde und das Weiterleben dessen, was nicht verschwunden ist.
Denn Heimat endet nicht mit einem Ort. Sie lebt in Menschen weiter. Ein Leben lang.
Egerland
(C) Rainer Wittmann 2026
[VERS 1]
Wo wir kamen zur Welt,
war nichts fremd.
Der Boden kannte unsere Schritte,
die Häuser unsere Namen.
Nichts war zu erklären.
Egerland, unsere Heimat.
[VERS 2]
Auf einmal war alles anders,
wir konnten es nicht begreifen.
Die Tage liefen weiter,
doch die Stimmen wurden leiser.
Was gestern noch normal war,
war heut auf einmal fremd.
[CHORUS]
Egerland, unsere Heimat,
so nah im Erinnern,
so fern im Gehen.
Was einmal unser war,
blieb uns im Herzen.
Ein Leben lang.
Ein Leben lang.
[VERS 3]
Man zählte neu,
bestimmte, wer dazugehört
oder nur noch geduldet ist.
Stempel ersetzten Gesichter,
Listen das Vertrauen.
Was einst stand wie starke Eichen,
musste von heut auf morgen weichen.
[VERS 4]
Heute durften wir bleiben.
Doch morgen sollten wir gehen.
Sie sagten, es sei geregelt.
Niemand hatte uns gefragt.
Aus Warten wurde Schweigen
und aus Schweigen Stille.
[VERS 5]
Zwanzig Pfund für die Reise ohne Ziel,
Ein Koffer. Ein paar Papiere.
Das Nötigste.
Die Geschichte blieb zurück an ihrem Ort.
Sie fuhren uns fort, ohne ein Wort.
[CHORUS 2]
Egerland, unsere Heimat,
so nah im Erinnern,
so fern im Gehen.
Was einmal unser war,
blieb uns im Herzen.
Ein Leben lang.
Ein Leben lang.
[OUTRO]
Manche Orte verschwinden nicht.
Sie leben,
in uns weiter.
Egerland, treuer Freund
und Wegbegleiter.
[CHORUS]
Egerland, unsere Heimat,
so nah im Erinnern,
so fern im Gehen.
Was einmal unser war,
blieb uns im Herzen.
Ein Leben lang.
Ein Leben lang.


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