Ein Roman über einen Fund, der keiner sein sollte.Über Leute, die mehr wissen, als sie sagen. Und über die Frage, ob Zufaall wirklich existiert – oder nur ein bequemes Wort ist. Regional, leise, schräg. Kein Krimi. Kein Heimatroman. Irgendwas dazwischen. Ein Regionalroman. Lass gerne einen Kommentar da!
Worum geht es?
Auf dieser Seite findest du eine Leseprobe aus meinem Roman „Das Eixendorf-Rätsel“ sowie Hintergründe zum Projekt. Im Mittelpunkt steht ein rätselhafter Fund und die Frage, was daran wahr ist – und was nicht. Schauplatz und Stimmung sind bewusst regional gehalten, mit leiser Spannung statt Action-Overkill. „Das Eixendorf-Rätsel“ ist mehr als ein klassischer Heimatkrimi. Es ist eine Geschichte über Freundschaft, Vergänglichkeit und die Spuren, die Menschen im Leben hinterlassen. Gleichzeitig ist „Das Eixendorf-Rätsel“ eine sehr persönliche Hommage an Freundschaft: an jene Menschen, die bleiben, an jene, die gehen müssen, und an jene, die man erst loslassen muss. Der Roman verbindet Krimihandlung mit Lebenserfahrung, Humor mit Nachdenklichkeit und kleine Anspielungen mit großen Fragen. Im Prolog und Epilog öffnet der Autor den Blick hinter die Geschichte: auf das Schreiben selbst, auf Verlust und Neubeginn und auf die Erkenntnis, dass Freundschaften wie Bäume sind – mit Wurzeln, Ästen und Blättern. Nicht alles bleibt, aber alles hinterlässt Spuren.„Das Eixendorf-Rätsel“ ist ein Roman über ein ungelöstes Verbrechen – und über das, was uns im Leben wirklich trägt. P.S. Mein Buch gibts auch als Kindle-Ebook bei Amazon!
Buch-Steckbrief
- Titel: Das Eixendorf-Rätsel
- Autor: Rainer Wittmann
- Art: Roman / Leseprojekt
- Genre: Regionalroman / Mystery
- Sprache: Deutsch
- Kommentare:Lass gerne einen Kommentar da!
Klappentext
Im Jahr 1935 werden nahe der ehemaligen Höllmühle, im heutigen Gebiet des Eixendorfer Stausees, zwei Leichname gefunden – ein Mann und eine Frau. Bis heute gibt der Fall Rätsel auf: War es Mord? Eine Liebestat? Oder etwas ganz anderes? Über Jahrzehnte ranken sich Gerüchte um das Geschehen, doch eine eindeutige Antwort blieb aus. Mehr als 80 Jahre später machen sich zwei bayerische Freunde und Hobby-Detektive, Andreas und Franz, daran, das alte Rätsel neu zu betrachten. Was als harmloser Ausflug beginnt, entwickelt sich zu einer Reise in die Vergangenheit – und zu einer Auseinandersetzung mit Geschichten, die nie wirklich abgeschlossen wurden.
Leseprobe
Das Gasthaus lag oben auf dem Berg in dem kleinen Ort südlich des Eixendorfer Stausees. Den ganzen Sommer über war es immer sehr gut besucht. Andreas und Franz kehrten gerne dort ein. Denn im Gegensatz zu den Lokalen in der Stadt hatte es ein ganz besonderes Flair. „Da darf man noch Mensch sein“, pflegte der kleine Mann immer zu sagen – und: „Wo Bayrisch gred wird, da bin i dahoam.“ An jenem Tag im Spätherbst schien allerdings recht wenig los zu sein. Vier Autos standen verteilt auf dem Parkplatz. Andreas‘ BMW-Cabrio natürlich, zwei einheimische Fahrzeuge und eines mit polnischem Kennzeichen. Gar nicht verwunderlich, da sehr häufig Gäste aus dem Ausland nach Ostbayern kamen, um ein paar Tage auszuspannen. Die Oberpfälzer Natur hat viel zu bieten. Vor allem Ruhe und Entspannung. Alles, was man eben so braucht als Ausgleich zur Hektik. Mollig warme Luft wehte den beiden entgegen, als sie durch die Tür in die Stube traten. Zwei Tische waren besetzt. Ein Pärchen kuschelte an dem kleinen runden gleich neben der Schänke. Drei Männer saßen etwas abseits vom Geschehen in einer Ecke. Während Franz die Toilette aufsuchte, um sich die immer noch klebrigen Hände zu waschen, setzte sich Andreas an einen langen Tisch, an dem die beiden Freunde in Ruhe reden konnten, das Geschehen indes nicht aus dem Blick verlieren sollten. Der kleine Mann winkte der Bedienung und bestellte „das Übliche“. Das ging ganz zwanglos, denn „das Übliche“ bestand wie immer aus einem Weizenbier und der großen Brotzeitplatte; „das Übliche“ eben für zwei waschechte, hungrige Bayern.
Fragen, die erfahrungsgemäß irgendwann kommen
Ist das eine wahre Geschichte?
Nein. Aber sie benimmt sich manchmal so, als wäre sie es.
Spielt das Ganze an einem echten Ort?
Sagen wir so: Wer die Gegend kennt, wird manches wiedererkennen. Wer sie nicht kennt, merkt trotzdem, dass hier nichts zufällig ist.
Ist das ein Krimi?
Nein. Es gibt keine Leichen im Akkord und keine Ermittler mit Alkoholproblem. Die Spannung entsteht woanders.
Muss man Regionalromane mögen?
Nein. Man muss nur Menschen mögen. Oder zumindest ertragen.
Ist das Buch abgeschlossen?
Sagen wir: Die Geschichte weiß, wo sie hinwill. Ob sie dort brav ankommt, ist eine andere Frage.
Warum dieses Buch?
Weil mich Geschichten interessieren, bei denen man sich fragt, ob man wirklich alles wissen möchte, was man gerade erfährt.
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Am einfachsten per Mail.
Das Eixendorf Rätsel - Ein Regionalroman
Ein Regionalroman
Das Eixendorf-Rätsel
Prolog
Es gibt Dinge im Leben, die macht man nur ein einziges Mal. Dieses Buch schreiben zum Beispiel. Soll nicht heißen, dass es das letzte sein wird, das unter meinem Namen erscheint. Aber es ist mein erstes. Man kann nur einmal im Leben ein erstes Buch schreiben. Und darauf bin ich sehr stolz. Stolz auf mich, weil ich endlich mal genügend Sitzfleisch bewiesen habe, um bis zu einem für Sie hoffentlich unerwarteten Romanende zu kommen. Und auch stolz auf meine wenigen aber dafür wahren Freunde, die mir bis zum letzten Wort zur Seite gestanden sind.
Es gibt aber auch so manche Dinge im Leben, die macht man ziemlich häufig. Menschen kennlernen zum Beispiel. Wenn man will, kann man das jeden Tag tun. Manche Menschen bleiben, viele gehen. Einige gehen, weil ihre Zeit gekommen ist – was sehr weh tut. Andere wiederum gehen, weil sie einen neuen Weg einschlagen wollen – ohne dich. Wenn sie gehen müssen, bewahre dir stets die schönen Erinnerungen an sie. Wenn sie gehen wollen, dann lass sie gehen, und streiche sie für immer aus deinen Gedanken. Wenn sie bleiben möchten, gib ihnen jeden Tag aufs Neue einen Grund dafür, zu verstehen, warum es gut ist für sie und auch für dich, für immer zusammenzubleiben.
Vor nun schon fast wieder zwei Jahren habe ich einen Freund verloren. Wir waren wie Brüder. Über 20 Jahre. Ich habe noch immer seine Telefonnummer mit Foto auf meinem Handy gespeichert und werde sie auch niemals löschen. Er hat mir auf dem langen Weg vom Beginn seiner Erkrankung bis zum Tod gezeigt, wie wertvoll Leben ist. Und ich hoffe, ihm gezeigt zu haben, wie wertvoll mir seine Freundschaft war, wie wertvoll sie mir immer noch ist. Ihm sei ein Teil dieses Buches gewidmet.
Den anderen Teil widme ich dem Menschen, der in dieser für mich sehr traurigen Zeit wie aus dem Nichts in mein Leben marschiert ist. Einem mir mittlerweile sehr vertrauten Menschen, der mir immer wieder aufs Neue zeigt, dass das Leben trotz all seiner Wirrungen und Windungen weiter gehen muss und vor allem kann. Wenn man es einfach annimmt, es jeden Tag aufs Neue mit guten Gedanken füllt und so wie es eben ist auf sich zukommen, das Vergangene – so gut wie es eben geht – auch mal vergangen sein lässt. Ich freue mich schon auf unseren nächsten Einsatz als detektivisches Gespann, auf gemeinsame Erlebnisse und Abenteuer – wo auch immer sie uns hinführen werden.
Auf euch zwei erhebe ich mein Weizenglas im Besonderen. Zum Wohl! Darum geht es doch. Um Freundschaft.
Mein Buch „Das Eixendorf-Rätsel“, welches Sie gerade in den Händen halten, ist aber nicht nur als Hommage an wahre Freunde gedacht. Nein, es soll vor allem ein Fleckerlteppich sein, gespickt mit teils fiesen aber ehrlich gemeinten Anspielungen auf viele Dinge, die ich in den vergangenen 45 Jahren meines Lebens erleben durfte, musste und vielleicht auch sollte. Fast alle Personen in diesem Buch sind frei erfunden. Ähnlichkeiten zu lebenden oder bereits verstorbenen Personen sind deshalb rein zufällig. Es gibt gewiss nur wenige Menschen, die die wahren Hintergründe meiner Parabeln hundertprozentig verstehen werden. Das macht aber nichts. Allen anderen sollen sie Vergnügen bereiten. Denn dafür sind Bücher ja bekanntlich da.
So, und jetzt genug der sinnierenden Worte! Nicht, dass Sie jetzt schon Ihre Taschentücher auspacken müssen.
Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen mit den beiden bayerischen Freunden und Hobby-Detektiven Andreas und Franz, die an einem Herbsttag aufgebrochen waren, um eigentlich wieder einmal nur ein Bier miteinander zu trinken…
Veröffentlicht als Taschenbuch
Copyright © 2017, 2014 Rainer Wittmann
Alle Rechte vorbehalten
ISBN 978-3-00-056199-3
Zweite Auflage, April 2024 (ebook-Version mit Epilog)
Idee: Jan Trautmann, Rainer Wittmann
Lektorat: Andrea Blaschke-Merl
Titelbild: Giustina de Toni, giustinadetoni.com
Foto Rückseite: Aldo Callegaro, aldofoto.com
Druck: Stolz Druck GmbH, Mitterfels
Ein Jahrhundert-Fund?
Bunte Blätter säumten den Weg um den Eixendorfer Stausee. Mittlerweile war es kalt geworden. So richtig herbstlich eben. Nur noch wenige Stunden am Tag zog die Sonne tief gesenkt ihre Runden über das stille, am Jahresende meist gespenstisch wirkende Wasser. Nicht einmal die Bäume flüsterten sich ihre Geheimnisse zu.
Andreas, eben noch seinen 50er gefeiert, nutzte die wenigen noch einigermaßen warmen Stunden des Tages, um mit seinem Freund Franz wie so oft einen Ausflug in die Natur zu machen. Obwohl mehr als einen ganzen Kopf kleiner, war Andreas trotz seines Wohlstandsbäuchleins immer viel flinker auf den Beinen. Franz hatte nämlich einige Pfunde zu viel auf den Rippen und hechelte häufig hinterher. Auf ihren gemeinsamen Wanderungen hatten sich die beiden Freunde immer sehr viel zu erzählen. Beim Parlieren vom Hundertsten zum Tausendsten kommend, vergaßen sie sehr gern die Zeit. Ein bisschen abschalten eben, zusammen etwas unternehmen. Und gemütlich ausklingen sollte der Tag immer bei ein paar Weißbier in einem Gasthaus. Was die beiden an jenem Tag aber nicht ahnen konnten: Noch vor Mitternacht sollte ein weiteres einschneidendes Erlebnis die zwei Hobby-Detektive wieder einmal in ein unerwartetes Abenteuer stürzen und deren Spürnasen aufs Äußerste herausfordern.
Wie so oft starteten sie auch an jenem Montag im Oktober in Gütenland, parkten ihr Auto in der Nähe des Gasthauses, spazierten bis zum „Bockerl“ in Hillstett und machten kehrt, sich somit auf den Rückweg. Das „Bockerl“, wie man es im Volksmund nennt, ist eine stillgelegte Tenderlokomotive der Baureihe 64, die auf dem ehemaligen Bahnhofsgelände steht, dort als Denkmal dient. Seit Jahrzenten ein Anziehungspunkt vor allem für Kinder, erinnert es an eine Zeit, in der es noch sehr wenig motorisierten Individualverkehr gab. Die „Straßen“ draußen auf dem Land, wenn man sie als solche bezeichnen möchte, waren einfache Feldwege mit tief einsinkenden Fahrspuren, hohen Buckeln in der Mitte und vor allem mit elendig vielen Schlaglöchern. Mit Kutschen und Holzwägen zu fahren, ging einigermaßen. Autos hatten zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf dem Land hingegen schon immense Probleme. Sie kamen nur ausgesprochen langsam voran. Platte Reifen waren an der Tagesordnung. Fast hundert Jahre lang war die Bahnstrecke aktiv; von 1896 bis 1994 verbanden die Geleise Bodenwöhr, Neunburg vorm Wald und Rötz; und eben auch die Ortschaften dazwischen. Für die wirtschaftliche Entwicklung der Region war die Bahn immens wichtig. Unter anderem gab es Schleifbetriebe, die mit Hilfe von aus dem Fluss Schwarzach gewonnener Wasserkraft Produkte aus Glas herstellten; etwa für Fenster und Möbel. Lang ist’s her. Neben dem „Bockerl“ steht heute ein Museum als Reminesezenz an eine vergangene Zeit. Auch die Geleise gibt es nicht mehr. Sie wurden 1998 und 1999 einfach so entfernt, die Geschichte eben mal so abgebaut. Man wollte mit der Zeit gehen und hatte aus der alten Bahntrasse kurzerhand einen Wander- und Radweg gemacht.
Und genau diesen Weg spazierten die beiden Freunde gerne entlang. Auf der kleinen Anhöhe konnten sie immer weit über den See blicken. Während Andreas gerade noch lauthals über einen Witz lachte, den er gerne über seinen Schulfreund lostrat, schrie Franz plötzlich auf: „Schau mal, da liegt was im Wasser!“ Andreas, sich gerade noch die Tränen aus den Augen wischend, drehte sich um und schaute verdutzt. „Ja, ich sehe da auch etwas.“ Es war ein seltsames Glitzern, das die beiden in den letzten Sonnenstrahlen des Tages im klaren Wasser erkennen konnten.
„Jackpot“, tönte Franz motiviert. „Jetzt oder nie!“
„Du willst doch da jetzt nicht, ähm, rein steigen. Bist du verrückt, Franz?“
„Klar werde ich, das ist bestimmt wertvoll. Und außerdem sollen Kneipp-Bäder ja oft Wunder wirken, wenn man so lange auf den Beinen ist. Sagt man.“ Franz war schon immer ein Spaßvogel gewesen. Und wenn er sich spontan etwas in den Kopf gesetzt hatte, wollte er es auch durchziehen. Andreas hatte oft Mühe, Franz die Spinnereien auszureden. „Da hat bestimmt jemand nur Müll entsorgt. Lass es lieber, holst dir nur wieder einen Schnupfen!“ Doch auch dieses Mal war jeder gut gemeinte Rat für die Katz! Franz überhörte die freundschaftlich belehrenden Worte, fackelte nicht lange, zog Schuhe und Strümpfe aus und stülpte die Hosenbeine hoch. Um Schlimmeres abzuwenden, konnte Andreas seinem Freund nur noch die Hand reichen. Franz griff vertrauensselig zu und stand auch schon mitten drin im Matsch. Noch ein Schritt, dann würde er nah genug dran sein an dem glitzernden Teil. Vorsichtig bücken, nicht zu viel Dreck aufwirbeln und, ja, bloß nicht umfallen. Mit einem scheinbar geübten Schulterschwung stieß er wie ein darbender Falke seine Hand ins Wasser und schon hatte er etwas herausgefischt: augenscheinlich etwa zwei Pfund Schlamm und, wie er hoffte, auch das, was da vorher noch so auffallend gefunkelt hatte.
„Ich habe ihn, den Schatz“, rief er.
„Ja ja“, lachte Andreas laut. „Einen Haufen Dreck hast in der Hand. Du bist mein Held. Komm jetzt wieder raus da!“
Franz blieb unbeirrt standhaft und presste seine Hand fest zusammen. Soweit es eben ging. Schlamm quoll zwischen den Fingern hervor. Mit einem „Pfui deifi“ kommentierte er den für manche Gemüter eher abstoßenden Moment und bewegte seine Hände im Wasser hin und her, bis er den gröbsten Dreck abgewaschen hatte. Langsam aber sicher wurde ihm klar, dass das Wasser wirklich kalt war. Sehr kalt. Doch Spontaneität hat eben auch ihren Preis. Hatte sich der dicke Mann einmal etwas in den Kopf gesetzt, zog er es einfach durch. Andreas war mit Franz‘ Eskapaden nicht immer einverstanden. Für seinen Geschmack grenzten manche Aktivitäten schon an sinnlose Übertreibung, wenn nicht sogar an Größenwahn. Aber das gehört auch zu einer dicken Freundschaft und schweißt zusammen.
„Du kannst“, gab Franz das Kommando. Während ihn Andreas aus dem Wasser zog, bewegte Franz seine Füße kranichartig auf und ab, um sie soweit es eben ging sauber zu bekommen.
Franz strahlte, als er seinem Freund das Fundstück übergab, setzte sich ans Ufer, streifte sich die warmen Socken über die kalten Füße und band sich fröstelnd die Schuhe. Andreas befreite derweil den Gegenstand mit einem Taschentuch von den letzten Schlammresten. Fest stand: Es war eine Münze. Weiter daran reibend kam schließlich die Prägung zum Vorschein: Fünf Reichsmark, Deutsches Reich, 1931, Weimarer Republik.
Franz, zwischenzeitlich wieder angezogen, staunte nicht schlecht, als er das Fundstück in den Händen seines Freundes zum ersten Mal richtig in Augenschein nehmen konnte: „Könnte wertvoll sein“, vermutete er und sinnierte vor sich hin: „Wie konnte die Münze in den See gelangen? Und warum sollten wir sie gerade heute finden? Hier laufen doch jeden Tag Dutzende Wanderer vorbei.“ Weil ihn die Neugier übermannt hatte, holte er instinktiv sein Smartphone aus der Jackentasche. Franz liebt diese neumodische Technik und war schon lange der Sucht anheimgefallen, alles sofort wissen zu müssen. Nach dem Motto: „Internet macht’s möglich.“
„Fünf … Reichsmark … 1931“, tippte er flüsternd mit kalten Fingern und war erstaunt, als ihm die Suchmaschine das Ergebnis präsentierte: „Andi, die Brotzeit geht heute auf mich“, lachte er. „Ein Sechser im Lotto scheint es zwar nicht zu sein, aber angeblich ist die Münze locker ein paar hundert Euro wert. Außerdem soll sie so was wie eine Rarität sein. So was wie eine extreme Seltenheit. Haben die zumindest so geschrieben auf der Seite. Lies doch mal!“
Andreas verdrehte verwundert seine Augen und blickte auf den kleinen Bildschirm. Fürwahr, sein Freund hatte Recht. Der Text auf der Internet-Seite beschrieb exakt das kleine Juwel, das sie eben aus dem See gefischt hatten. Eine Münze mit einem Kreis aus Sternen, eine Eiche mit drei verdorrten Zweigen und Jahreszahl. Das Motiv vom Kürzel der Prägestätte und dem Schriftzug „Einigkeit und Recht und Freiheit“ eingefasst. Ein Perlkreis mit dem deutschen Wappenadler auf der Rückseite. Dann noch was mit „Deutsches Reich“ und zwei Eichenzweige.
„Denkst du, dass da noch mehr Münzen im See liegen?“
„Keine Ahnung“, antwortete Franz. „Um das rauszufinden, braucht’s schon ein wenig mehr technisches Gerät. Du hast nicht zufällig ein Boot in der Tasche?“
„Du Depp“, lachte Andreas. „Nein, ich habe es heute Morgen rausgenommen. Das Benzin war alle. Komm lass uns gehen. Die Brotzeit wartet.“
„Hast recht“, stimmte Franz bibbernd zu. „Meine Füße brauchen sowieso ein wenig Wärme.“
„Selbst schuld. Du musst ja auch überall rein hüpfen.“
Franz lachte, legte Andreas freundschaftlich die Hand auf die Schulter und scherzte: „Keine Angst, mein Freund! Das nächste Mal darfst dann du.“
Andreas schmunzelte nur, schob die Münze ein und zeigte bestimmend auf den Weg, der noch vor ihnen lag. „Auf geht’s, ich kann unser Weizenbier schon riechen.“
Eine seltsame Begegnung
Das Gasthaus lag oben auf dem Berg in dem kleinen Ort südlich des Eixendorfer Stausees. Den ganzen Sommer über war es immer sehr gut besucht. Andreas und Franz kehrten gerne dort ein. Denn im Gegensatz zu den Lokalen in der Stadt hatte es ein ganz besonderes Flair. „Da darf man noch Mensch sein“, pflegte der kleine Mann immer zu sagen – und: „Wo Bayrisch gred wird, da bin i dahoam.“
An jenem Tag im Spätherbst schien allerdings recht wenig los zu sein. Vier Autos standen verteilt auf dem Parkplatz. Andreas‘ BMW-Cabrio natürlich, zwei einheimische Fahrzeuge und eines mit polnischem Kennzeichen. Gar nicht verwunderlich, da sehr häufig Gäste aus dem Ausland nach Ostbayern kamen, um ein paar Tage auszuspannen. Die Oberpfälzer Natur hat viel zu bieten. Vor allem Ruhe und Entspannung. Alles, was man eben so braucht als Ausgleich zur Hektik.
Mollig warme Luft wehte den beiden entgegen, als sie durch die Tür in die Stube traten. Zwei Tische waren besetzt. Ein Pärchen kuschelte an dem kleinen runden gleich neben der Schänke. Drei Männer saßen etwas abseits vom Geschehen in einer Ecke. Während Franz die Toilette aufsuchte, um sich die immer noch klebrigen Hände zu waschen, setzte sich Andreas an einen langen Tisch, an dem die beiden Freunde in Ruhe reden konnten, das Geschehen indes nicht aus dem Blick verlieren sollten. Der kleine Mann winkte der Bedienung und bestellte „das Übliche“. Das ging ganz zwanglos, denn „das Übliche“ bestand wie immer aus einem Weizenbier und der großen Brotzeitplatte; „das Übliche“ eben für zwei waschechte, hungrige Bayern.
Auf seinen Freund und die Brotzeit wartend, studierte Andreas die Prospekte, die auf dem Tisch kreuz und quer herum lagen. Da wurden Ausflüge angeboten, Kutschfahrten beworben und Wanderwege beschrieben. Andreas hielt die Broschüren für interessant und steckte sie kurzerhand ein. Wenige Augenblicke später stand auch schon „das Übliche“ auf dem Tisch und Franz gesellte sich hinzu. „Nicht viel los heute“, urteilte er. Andreas nickte zustimmend. „Wobei: Drüben auf dem Tisch mit den drei Männern stapeln sich die Wodka-Gläser.“
„Klassische Klischee-Polen“, frotzelte Franz mit einer nicht gerade sparsamen Portion an Sarkasmus in der Stimme.
„Jeder so, wie er es mag“, bremste Andreas den Überschwang seines Freundes. „Wir Bayern haben doch auch unseren Spleen. Was für die der Wodka, ist für uns das Bier. Zurück zur Münze, Franz. Denkst du, wir sollten sie verkaufen?“
„Besser wir behalten sie erst mal bei uns. Wir werden sie vielleicht noch brauchen. Da steckt gewiss viel Geschichte drin. Vor allem, weil man sich ja immer viel erzählt über den See.“
„Dann denkst du wohl dasselbe wie ich!“ Der kleine Mann schaute seinen Freund mit großen Augen an, während er einen leicht übertrieben langen Schluck aus dem Bierglas nahm und sich dabei fast verschluckte. Denn wie aus heiterem Himmel fielen den beiden die Geschichten und Legenden wieder ein, die sich die Älteren auch heute noch gerne erzählen; und das nicht nur an den Wirtshaustischen.
Dort, wo sich heute der Eixendorfer Stausee auf einer riesigen Fläche ausbreitet, waren früher Siedlungen. Menschen lebten in dem einstigen Tal und es wurde Vieh- und Feldwirtschaft betrieben. Auch gab es ein wenig Industrie. Reiche Bauern sollen da gewesen sein, die über Jahrhunderte hinweg das fruchtbare Land bewirtschafteten. Und noch reicher sollen sie angeblich geworden sein, nachdem sie es verkauft hatten, um es des künftigen Stausees und freilich auch des Mammons Willen fluten zu lassen. Und dort, wo einst Menschen lebten, war sicherlich auch Geld. Und vielleicht war diese Münze, die die beiden heute aus dem See gefischt hatten, ein stiller Zeitzeuge dessen, was seinerzeit passiert war. Denn in der Oberpfalz war nicht immer alles so rosig gewesen wie heute. Nicht immer war das Grenzgebiet zum heutigen Tschechien eine reiche und wirtschaftlich hoch angesiedelte Region. Die beiden Weltkriege hatten freilich die größten Furchen hinterlassen, machten die Armen noch ärmer und die Reichen noch reicher. Wo Reichtum war, war auch Missgunst. Und wo Missgunst war, gab es Neid und Hass. Und wo Neid und Hass gesät waren, gab es auch Mord und Totschlag. Wer weiß, wie viele dieser Geschichten im Wasser des Stausees einfach so verschwunden sind.
„Denkst du, da klebt Blut an der Münze?“
„Warum nicht, kann sein“, antwortete Andreas. „Erinnerst du dich? Vor einiger Zeit haben Fischer Panzergranaten und eine Walther PPK aus dem Wasser gezogen. Genau an der Stelle, wo vor Jahren die ehemalige Höllmühle geflutet worden und für immer im Wasser verschwunden war.“
„Ja, ich erinnere mich, stand groß in der Zeitung.“ Franz kam ins Grübeln. „Gehen wir mal davon aus, dass neben den Waffen auch noch andere Dinge, sagen wir, vergraben oder vergessen oder einfach – ohne es gewollt zu haben – für immer unsichtbar gemacht wurden. Wir wissen doch, dass die Landwirte im Tal schon seit Jahrhunderten dort lebten. Wir wissen auch, dass früher Diebe und Schmuggler durchs Land streiften. Häufig kamen sie aus dem Osten, stahlen im Westen und vielleicht lagerten sie dann gerade hier in der kargen Region ihre heiße Ware, um sie später abzuholen und weiter zu transportieren.“
Ein grelles „Vorsicht!“ der adretten, blonden Bedienung unterbrach das konspirative Gespräch der beiden Freunde. „Noch ein Weizen. Bitteschön! Zum Wohl!“ Auf ihrem Tablett hatte das hübsche Ding auch noch drei Gläser Wodka nebst drei Bier für den Tisch mit den drei polnischen Gästen fein säuberlich zusammengestellt.
„Die haben mächtig Durst“, witzelte Andreas und zwinkerte die kess wirkende Frau an.
„Seit kurz nach Mittag sitzen die drei schon hier, trinken was das Zeug hält“, lachte die junge blonde Frau und betörte mit ihrer einladenden Auslade. „Der Chef meinte eben, ich sollte mal zwischenkassieren. Besser ist das, oder?“
Kaum ausgesprochen, schwebte sie auch schon elegant mit ihren scheinbar flehenden Hüften hinüber zum Nachbartisch, stellte drei Mal Wodka und drei Mal Bier ab und legte ihren Zwischenbeleg auf den Tisch. Die Blicke der beiden Freunde waren ihr dabei gefolgt als würden deren Pupillen an dem verführerischen Beckenbereich der Frau festkleben. Und dennoch verloren sie das Geschehen nicht aus den Augen. Sie bemerkten sehr wohl, dass einer der drei Polen einen 500 Euro-Schein aus der Tasche zog, ihn auf den Tisch segeln ließ und großkotzig so tat, als wäre es Kleingeld. Fordernden Blickes wies er die Bedienung an, gleich nochmal eine Runde nachzuliefern.
Franz musste da einfach nachlegen und garnierte erneut mit einem Häubchen Sarkasmus: „Da weiß man, wo das Geld zu Hause ist. Seltsam, sehr seltsam die drei Gestalten.“
Die Tür des Gasthauses öffnete sich. Im sich zwischen dem Türrahmen in die Stube drückenden kühlen Wind betrat ein Mann den Raum: eine bizarre Gestalt mit lederartigem Gesicht. Die Augen zu klein für den riesigen Kopf. Sie passten nicht ins Bild. Ein Schnurrbart. Ungepflegt. Rechts darüber auf der Wange eine unübersehbare Narbe. Schwarze Jacke, schwarze Hose, schwarze Lederstiefel. Sie reichten ein paar Zentimeter über die Fußknöchel und hatten an der Innenseite einen billigen Reißverschluss. Eindeutig 80er Jahre-Look. „Voll Retro würde man auf Neudeutsch sagen“, dachte sich Franz und argwöhnte leise: „Der gehört sicherlich zu den Polen. Oder hast du bei uns letzthin noch irgendjemanden mit solchen extravaganten Ladenhütern gesehen?“ Er sollte tatsächlich Recht behalten. Der Mann stürmte auf den Tisch zu, an dem die Polen zechten. Unmittelbar danach ging es Schlag auf Schlag. Die beiden Freunde bekamen ein befremdliches Schauspiel präsentiert.
Das Narbengesicht warf eine Mappe auf den Tisch, deutete auf sie und schimpfte als würden zig heftige Sommergewitter auf einmal loslegen. Den Dreien am Tisch schien der Wodka plötzlich gar nicht mehr zu schmecken. Hals über Kopf wurden die Gläser geleert, ein paar Euro auf den Tisch geworfen, Unterlagen zusammengepackt, noch schnell die schwarzen Jacken über die Schultern geworfen – und dann waren sie auch schon raketenartig durch die Eingangstür gefetzt und verschwunden. Der Mann mit der Narbe nahm die Mappe vom Tisch und schob sie unter seine schwarze Jacke. Dem Wirt hinter der Theke etwas stumm zuwinkend verließ auch er die Gaststube.
„Au weh zwick“, fasste Franz die filmreife Szene in bayerischer verbalpragmatischer Kürze zusammen und hatte damit eigentlich schon alles gesagt.
„Oh ja“, lachte Andreas, „Und ich sage dir, die sind sicherlich nicht zum Urlaub machen hier. Da steckt was anderes dahinter. Sind dir nicht auch ihre Verbrecher-Visagen aufgefallen?“
„Vorsicht!“ Da war sie wieder, die hübsche Bedienung, und stellte noch einmal zwei frische Weizen auf den Tisch.
„Komisch, nicht wahr?“ Andreas suchte das Gespräch.
„Ähm, meinen Sie mich?“ Das junge Fräulein mit der kurzen Schürze wirkte unsicher. Das war nicht alles, was an ihr kurz geschnitten war. Andreas hatte sichtlich Gefallen gefunden an der erregenden Blonden. Ab einem gewissen Alter fliegen einem die Herzen einfach nicht mehr so zu wie einst in der jugendlichen Sturm-und-Drang-Zeit. Und da gilt es eben, den Augenblick zu nutzen. „Carpe diem, Andi!”
„Nein“, sagte er augenzwinkernd, „ich meine die vier Polen, die da drüben gerade eine Show abgezogen haben.“
„Ach so die. Ja, die sind durchaus sehr komisch. Sind seit gestern Gast bei uns, haben für eine Woche gebucht und im Voraus bezahlt. Sitzen da immer mit irgendwelchen Karten und diskutieren laut.“
Detektivisch geschickt warf Andreas holdselig lächelnd, die schönen runden Brüste der Frau dabei nicht aus den Augen verlierend, ein fragendes „Vielleicht Landvermesser?“ ein. Verstört zog sich die Blondine ihr Röckchen zurecht. Sie empfand die Blicke des 50-jährigen ziemlich unangenehm, antwortete dennoch professionell: „Ich glaube nicht. Die Karten sahen sehr alt aus. Da war was angekreuzt. Mitten im Stausee. Keine Ahnung warum. Geht mich auch nichts an.“
„Hör auf, die Gäste mit deinem Gelaber zu langweilen, Gabi, und schwing‘ deine Hüften an die Theke!“ Der schrille Schrei aus Richtung der Theke sollte Andreas‘ zarte Anbahnungsversuche abrupt unterbinden. Mit einem „Ähm, ich muss, Jungs“ entfernte sich die heiße Blonde, sichtlich erleichtert, vom Tisch.
„Ein scharfer Feger, findest du nicht auch, Franz?“
„Auf jeden Fall. Hast nicht landen können, oder?“ Franz lachte und tröstete hämisch: „Bist halt keine 20 mehr. Nimm’s leicht!” Freilich nahm es Andreas gelassen und kam gleich zurück zum Thema: „Die haben also eine alte Karte vom See dabei. Und die haben da was angekreuzt. Bedeutet: Die suchen da was. Einen Schatz vielleicht? Vermutlich haben sie einen Tipp bekommen. Von einem Eingeweihten? Oder sind die im Auftrag hier? Wer sonst nimmt schon den weiten Weg von Polen bis in die Oberpfalz auf sich? Außer er macht Urlaub.“
„Mensch Andi, die Münze“, schoss es Franz durch den Kopf und schlug einige Male heftig mit den Fäusten auf den Tisch.
„Du hast Recht! Vielleicht sind die Legenden wirklich wahr! Heiße Ware aus einem Überfall? Sie musste zwischengelagert werden, weil die Diebe auf der Flucht waren und sie sich nicht mit der Beute erwischen lassen wollten. Früher oder später wären sie dann zurückgekommen, um das Diebesgut zu holen. Dass das Tal irgendwann mal überflutet und dadurch alles vernichtet werden würde, konnte seinerzeit ja niemand ahnen. Vor allem nicht Fremde, die kilometerweit entfernt wohnen.“
„Diebesgut im Stausee? Der Wahnsinn!“ Franz kam in Fahrt. „Klingt gut. Klingt verdammt gut, Andi. Wir sollten …“
Andreas wusste genau was jetzt kommen würde und sah seinem Freund gefasst in die Augen.
„… die vier Mal observieren?“
„Bist wieder mal nicht zu bändigen, oder?“ Was anderes hatte Andreas eh nicht erwartet und machte einen Vorschlag zur Güte: „Du wolltest doch eine rauchen, oder? Dann lass uns mal vor die Tür gehen und schauen, ob unsere polnischen Freunde noch draußen stehen. Vielleicht entdecken wir ja etwas, was uns in der Sache ein wenig weiterbringt.“ Während Andreas noch die Brotzeit bezahlte, war Franz schon verschwunden.
Das Auto, das aus Polen kam
Draußen war es zwischenzeitlich dunkel geworden. Niemand zu sehen. Von den drei fremden Autos, die vor wenigen Stunden noch auf dem Parkplatz gestanden waren, war nur noch das aus Polen da. Allerdings stand nun gleich daneben ein auffälliger Lieferwagen; ebenso polnischer Herkunft. Schief eingeparkt. Der Fahrer hatte es wohl ziemlich eilig gehabt.
„Schau mal Franz, ein Żuk. Froschgrün. Das ist ein echter Klassiker“, schwärmte Andreas und fügte an: „Der gehört bestimmt dem Kerl mit der Narbe.“ Der 50-jährige war immer schon ein Autonarr gewesen und hatte da so einen Tick: Je älter das Metall auf vier Rädern, desto wärmer wurde es ihm ums Herz. Nun war es mal wieder Zeit für eine kurze philosophische Einlage. Wie auswendig gelernt schoss es aus ihm heraus: Dass der Żuk bis Ende des 20. Jahrhunderts gefertigt worden sei, ein verstärktes Fahrgestell hätte und dank extremer Bodenfreiheit für abschüssige Straßen optimal sei. Und geräumig sei er, der Żuk; für Spezialtransporte bestens geeignet. Und …
„Ist ja schon wieder gut“, bremste Franz und belehrte mit leiser Stimme: „Pass lieber auf, dass uns niemand bemerkt!“ Die Freude auf Andreas‘ Gesicht verzog sich. „Komm, lass uns das Teil mal genauer anschauen.“
Räder, Türen, Front und Heck waren schmutzig; sah nach einer ausgiebig wilden Fahrt über Feld oder Wiese aus. Durch die langen, rechteckigen Fenster konnte man in der Dunkelheit nicht viel erkennen. Die Flutlichter des Parkplatzes reichten nicht aus, um ins Innere zu sehen. Allerdings strahlten sie das Kennzeichen an der Vorderseite des Fahrzeugs direkt an. Seltsam. Obwohl es auch von dem Dreck nicht wirklich verschont geblieben war, konnten die beiden Freunde erkennen, dass es wohl noch relativ neu sein musste, ein Europa-Kennzeichen. „Haben die das Auto wirklich neu angemeldet? Oder waren die Schilder gestohlen? Eigentlich haben doch alte Autos immer noch alte Kennzeichen dran. Zumindest in einigen Ländern.“ Skeptisch dreinblickend holte Franz sein Smartphone aus der Tasche, um sich die Zahlen und Buchstaben auf dem Nummernschild zu notieren. Just in diesem Moment unterbrach ein drei Mal kurzes, aber eindringlich lautes Fiepen die unheimliche Stille. „Mist, wer will denn jetzt schon wieder was von mir?“ Eine Nachricht. Immer im richtigen Moment. „Hat uns jemand gehört?“
„Wer sollte uns gehört haben, Franz?“
„Na, die Männer in schwarz.“
„Du halluzinierst, mein Freund. Ist doch niemand da außer uns beiden. Fahr mal wieder runter!“
Die Nummer war schnell notiert. „Ich ruf morgen mal den Max an, der ist ja bei der Polizei und der wird mir ganz bestimmt sagen können, ob das Nummernschild echt ist.“
„Mach das“, pflichtete Andreas bei, zog indes mit detektivischer Eleganz eine Taschenlampe aus der Jacke und leuchtete – ohne ein Wort zu verlieren – durch das hintere Fenster in das Wageninnere. Franz kommentierte den Moment stumm mit überraschten Blicken.
Die beiden trauten ihren Augen nicht. Da lag anscheinend ein Unterwasser-Metalldetektor. Daneben eine Taucherausrüstung und noch anderer Krimskrams. Solche Dinge eben, die man braucht, um Versunkenes zu heben. Beweise genug dafür, dass es sich nicht um gewöhnliche Touristen handelt?
„Andreas“, zappelte Franz auf beiden Beinen hin und her, „wir sind glaube ich auf einer ganz heißen Spur!“
„Business“ auf Polnisch
Die Zimmer des Gasthofs waren noch bis vor einigen Tagen renoviert worden. Ein penetranter Geruch von Formaldehyd lag in der Luft. Stumm marschierten die drei Männer aus Polen auf dem mit roten Teppichen dekorierten Gang zu ihrer Suite, die im oberen Stockwerk lag. Der vierte Mann fehlte.
Im Zimmer angekommen – noch immer sauer wegen der Aktion ihres Chefs einige Minuten zuvor im Gasthaus – feuerten sie wie wild ihre schwarzen Jacken auf die Ablage in der Ecke des Eingangs und setzten sich missmutig auf die breite Couch-Garnitur aus dem Schwedenmarkt. Auf dem Tisch standen leere Wodka-Flaschen vom Vorabend.
„Herr Marek hat aber ganz miese Laune.“ Tomasz, der kleinste und noch am sympathischsten wirkende des Trios, spürte die Abreibung noch immer in den Knochen. Verdattert dreinblickend stotterte er mit nervös-vibrierender Stimme: „Ob uns Herr Marek nun nach Hause schickt?“ Für einen Polen ziemt es sich, einen Vorgesetzten stets mit ‚Herr‘ anzusprechen. Das ist ein Zeichen guter Schule. Und Tomasz hatte eigentlich keine schlechte Erziehung genossen. Eigentlich.
„Du Waschlappen“, keifte Stanislav. Der groß gewachsene dunkelhaarige Mann mit der fiesen Visage eines schmierigen Zuhälters prustete sich auf. Er, den sie alle nur Stàz nannten, und Marek, sie hätten Brüder sein können. Sie waren es aber nicht, kannten sich nur schon seit vielen Jahren. „Marek ist schnell auf Hundert. Der Job hier ist ja schließlich kein Kindergeburtstag. Akzeptiere es, oder geh! Brauchst aber dann auch gar nicht mehr bettelnd angekrochen kommen. Hast du das verstanden?“ Tomasz schluckte und brachte lediglich ein eingeschüchtertes, holpriges „Ja, ist gut.“ über seine Lippen. Zu mehr sollte er im Augenblick einfach nicht mehr in der Lage sein.
„Hey, Stàz, schalt mal einen Gang zurück!“ Jan mischte sich ein und versuchte, die aufgeheizte Stimmung ein wenig runter zu kühlen. „Tomek ist doch noch ein Frischling. Und wenn du ihn nach Hause schickst, wer soll dann für Marek tauchen?“
Stanislav antwortete nicht. Sichtlich angesäuert und keinen Ton erwidernd drehte er sich um und trat unmotiviert mit seinen dicken Lederstiefeln gegen eine Einkaufstüte, die neben einem Ohrensessel stand. Wie ein stures Kind stampfte er in Richtung Minibar. Dort hatten die drei Polen ihren Wodka gelagert; echten Wodka, versteht sich. Wirklich guten Wodka sucht man in den Regalen bayerischer Supermärkte meist vergebens. Nur einige ausgesuchte Gasthöfe hatten für ihre Urlaubsgäste vollmundige Originale parat. Kein Wunder. Die Oberpfalz ist ja eher bekannt für erstklassiges Bier. Stanislav wusste das, weshalb er einen nicht unerheblichen Vorrat feinsten destillierten Roggens aus seiner Heimat mitgebracht hatte. Er nahm eine der vielen Flaschen aus der Kühlung, versetzte dem Drehverschluss gekonnt mit dem Handballen einen Wischer, so dass die Kapsel mit Schwung zu Boden tänzelte, und setzte sich, einen kräftigen Schluck nehmend, zurück auf die Couch.
Jan holte tief Luft und setzte erneut an: „Woher kennt ihr euch eigentlich, Marek und du?“ Stanislav verstand nun anscheinend den Fingerzeig, wandte sich – wenngleich ein wenig missmutig – seinen Landsleuten zu und fing tatsächlich an zu erzählen.
„Wir kennen uns von früher, vom Geheimdienst, vom SB“, prahlte er und hielt kurz inne.
SB – oder ausgeschrieben „Służba Bezpieczeństwa“ – ist die Bezeichnung für den ehemaligen polnischen Geheimdienst. 34 Jahre lang bespitzelten offiziell nahezu 25.000 Funktionäre und über 90.000 inoffizielle Mitarbeiter das polnische Volk aus. Der SB war so was in der Art wie die Stasi in der ehemaligen DDR. Auch für die hinterhältigsten Einschüchterungsversuche sowie die Ermordung mehrerer politischer Oppositioneller sollen die Mitarbeiter des SB verantwortlich gewesen sein.
„Später kam Marek zum Militärischen Nachrichtendienst.“
„Du spinnst! Ein Killer?“ Jan, gerade noch cool den Moderator mimend, wirkte augenblicklich sichtlich entsetzt.
„Mann oh Mann. Wer beim Geheimdienst ist, muss nicht automatisch ein Killer sein“, erhob Stanislav seine Stimme und nahm noch einmal einen Schluck aus der schon halb leeren Wodka-Flasche. „Er war einfach ein Agent. Mehr müsst ihr nicht wissen. Und es geht euch auch gar nichts an. Es reicht jetzt.“
Laut hämmerte jemand an die Tür. „Aufmachen!“ befahl die den Dreien bekannte Stimme krächzend. Tomasz sprang von der Couch auf, lief zum Eingang und drückte die Klinke so schnell er nur konnte herunter. Zu schnell, wie er nur Sekunden später schmerzlich feststellen sollte. Denn Marek hatte sich vor lauter Wut so fest von außen dagegengestemmt, dass die Tür logischerweise nur noch an Tomasz‘ Kopf knallen konnte. Polternd stampfte das Narbengesicht in die Suite und packte seinen Landsmann am Kragen, der just in diesem Moment leicht benommen zu Boden sank. „Seid ihr schon wieder am Trinken? Ich hatte euch doch gesagt, dass Schluss ist für heute“, brüllte er und zog den zitternden Mann, noch immer mit seinen mächtigen Händen dessen Kragen festkrallend, auf die Couch.
„Ich … ich habe …“ Tomasz bekam fast keine Luft mehr.
Stanislav sprang auf und gebot Marek Einhalt. „Ruhig Bruder, ruhig! Lass ihn los! Niemand trinkt hier außer mir. Und außerdem geht dich das einen Dreck an!“ Marek ließ ab und Tomasz rücklings auf die Couch fallen. „Habt ihr die Sachen aus dem Lieferwagen geholt?“ pfiff er in die Runde. Jan fasste sich erneut ein Herz: „Nein, die sind noch im Wagen.“
„Wofür bezahl ich euch denn? Anscheinend hast du deine Leute nicht unter Kontrolle, Stàz!“
„Jetzt mach mal Halblang, mein Freund, wir sind doch…“
„Das hat nichts mit Freundschaft zu tun“, unterbrach Marek rabiat. „Entweder ihr tut das, was ich euch sage, oder das war‘s dann. Ist das klar?“
Kurze Stille in der Runde.
Tomasz hatte sich zwischenzeitlich wieder aufgerappelt und antwortete nach einer kurzen verbalen Ladehemmung militärisch korrekt: „Jawohl, Herr Marek!“
Der 25-jährige war nämlich eigentlich gut erzogen worden. Seine Eltern starben zwar schon sehr früh bei einem Autounfall, jedoch konnte ihm seine Großmutter Werte wie Respekt und Anstand beibringen, ihm Liebe und Fürsorge zuteilwerden lassen. „Auch wenn man dir noch so weh tut“, hatte sie immer zu ihm gesagt, „bleib standhaft und vergiss nicht, dass wir alle nur Menschen und deshalb auf der Welt sind, um Fehler zu machen und daraus zu lernen.“ Durch den Tod der Oma sollte der damals gerade mal 20-jährige Mann allerdings den wichtigsten Halt in seinem Leben verlieren, sich urplötzlich von einem auf den anderen Tag mit Gelegenheitsjobs durchschlagen, irgendwo aushelfen müssen. Um über die Runden zu kommen tat er Dinge, die sich im Nachhinein als „vollkommen daneben“ herausstellen sollten. Armer Tomasz – ein gefundenes Fressen für Verbrecherbanden.
„Schwing deinen Hintern raus zum Auto und hol die Sachen! Und nimm Jan mit!“ Mareks schroffer Kasernenhofton zeigte Wirkung. Ohne zu murren holten Jan und Tomasz ihre Jacken aus der Ecke, zogen sie sich schnell über und eilten, die Tür hinter sich schließend, hinaus auf den Flur.
Marek hatte Stanislav langsam satt: „Wenn du mein Stellvertreter sein willst, musst du aufhören, den Kumpel zu mimen!“
Stanislav ignorierte Marek auffällig, sah ihn nicht mal an. Kein Wort kam über seine Lippen, denn die waren ja damit beschäftigt, auch noch den letzten Rest der Wodka-Flasche in die noch immer durstige polnische Kehle zu leiten.
„Du säufst dir noch den letzten Funken Verstand aus dem Schädel!“
Auch dieser scharfe Hinweis prallte von Stanislav ab. Unbeirrt leerte er seine Wodka-Flasche bis auf den letzten Tropfen. Noch bevor er sie allerdings absetzen und zurück auf den Tisch hätte stellen können, hatte Marek auch schon ausgeholt und sie ihm aus dem Gesicht geschlagen. Weit über den Teppich flog sie hinaus bis auf den gefliesten Bereich der Suite und zerbarst mit einem lauten Knall. Scherben wirbelten durch den Raum.
„Hey, hast du jetzt völlig den Verstand verloren?“ Jetzt sprang Stanislav auf und ging Marek mit weit geöffneten Händen an die Kehle. Der kampferfahrene Ex-Agent hingegen, er reagierte spontan. Mit einem geübten Haken schlug er seinem Kumpel skrupellos ins Gesicht. Blut spritzte aus der Nase. Noch bevor der groß gewachsene, sportliche Kerl sie noch kontrollierend tasten konnte, ging er auch schon K.o. zu Boden. Da lag er nun, totengleich. Marek überprüfte tastend den Puls und empfahl sich kopfnickend. „Das war das letzte Mal, dass ich dich so davonkommen lasse“, verabschiedete er sich mit einer klaren Ansage und fügte drohend an: „Nochmal so was in der Art und ich schlag dich wirklich tot!“
Ein BMW kann fahren – vor allem sehr schnell
Franz und Andreas hatten den polnischen Lieferwagen zwischenzeitlich öffnen können. War gar nicht mal so schwierig gewesen, denn Marek hatte wohl in aller Eile vergessen, die Heckklappe zu verschließen. Der Żuk ist eben ein altes Modell und in den 60er Jahren waren noch nicht alle Fahrzeuge mit einer Zentralverriegelung ausgestattet. Glück für die beiden Freunde. Die kleine Durchsuchungsaktion bestätigte sie in ihrer Annahme: Bei dem Krimskrams im Kofferraum handelte es sich tatsächlich um Utensilien, die man braucht, um Dinge welcher Art auch immer unter Wasser ausfindig zu machen und professionell an Land zu befördern. Unter dem Metalldetektor und der Taucherausrüstung befanden sich Schiffstau, Messer und Sägen, ein Werkzeugkasten und Sauerstoffflaschen; fünf Stück an der Zahl. Die polnischen Schatzsucher hatten sich anscheinend auf eine längere Unterwasser-Suchaktion eingestellt.
„Was ist das denn?“ Andreas staunte nicht schlecht, als er unter all dem technischen Tand ein Buch hervorzog, dessen beste Tage wohl schon lange gezählt waren. Seine Taschenlampe darauf richtend, identifizierte er auf dem Buchrücken eine Kombination aus Zahlen und Buchstaben, wie man sie aus Bibliotheken kennt. Auf der Rückseite ein Schwarzweißfoto mit dem Konterfei eines Mannes und vorne eine Collage unterschiedlichster Münzen. Da stand auch irgendwas auf Polnisch. „Srebrna moneta“ oder so ähnlich. Man muss die Sprache nicht fließend sprechen, um zu verstehen, dass es sich bei einem Buch über „moneta“ wohl um eine Art Enzyklopädie über Münzen handeln muss. Aufgeregt blätterte der kleine Mann darin hin und her.
„Franz, ich hab‘s“, tönte er stolz, nachdem er auf einer der ersten Seiten eine Abbildung von genau der Münze entdeckt haben sollte, die sein Freund wenige Stunden zuvor aus dem Dreck gefischt hatte. Er nahm das Original aus seiner Tasche, hielt seine Taschenlampe darauf, drehte sie zwischen den Fingern und verglich. Kein Zweifel, es war genau diese eine Münze, das kleine Juwel aus dem Eixendorfer Stausee.
„Was hast du?“ Franz‘ Nachfrage kam beiläufig daher, da er noch immer mit dem Kram aus dem Lieferwagen beschäftigt war und mit seinem Smartphone in der Hand die technischen Details des Metall-Detektors recherchierte. Ein Freak eben.
„Na, die Münze. Unsere Münze. Von heute Nachmittag. Lass doch mal das Zeug in dem Wagen und komm her!“ Brav steckte Franz sein Telefon weg, wandte sich Andreas zu und senkte den Blick auf das Bild in dem Buch, das sein Freund noch immer mit der Taschenlampe anleuchtete. „2500 Zloty? Das dürften so, na ja, ich schätze mal, umgerechnet 500 bis 600 Euro sein. Aber was heißt Rzadkość?“
„Hm, du bist doch das Internet“, lachte Andreas. Um es vorweg zu nehmen: Rzadkość bedeutet Rariät. Das jedenfalls hatte Franz die Suchmaschine als Ergebnis seiner Recherche ausgespuckt.
„Da ist ja noch eine. Und da auch!“ Andreas blätterte wie wild durch das Buch und fand noch weitere Münzen. Alle waren sie mit einem roten Filzstift markiert worden. „Sehen alle ziemlich ähnlich aus“, stellte er amateurhaft fest: „Immer wieder der Baum und immer wieder die ‚Weimarer Republik‘“. Obwohl die Beschreibungen in einem polnischen Buch verständlicherweise in polnischer Sprache abgefasst waren, konnte er dennoch erkennen, dass es sich bei dem Hartgeld um hoch dotierte Einzelstücke handeln musste; mit teilweise sogar horrenden fünfstelligen Summen dotiert. Geteilt durch fünf waren das immer noch verdammt viel Euro. Hatte Franz‘ Internet also recht gehabt.
„So viele Zufälle auf einmal kann es doch gar nicht geben, oder Franz? Die seltene Silbermünze im Eixendorfer Stausee, die Polen mit dem ganzen Tauch-Zeug, das angemarkerte Münzbuch in dem alten Lieferwagen. Allerdings ist mir eines immer noch nicht klar?“
„Andreas?“
„Ja? Also eines ist mir immer noch nicht …“
„Ähm, Andi!?“
„Was ist?“
„Die Polen sind da! Schnell!“
Andreas zuckte zusammen, verschloss blitzartig, dennoch still und leise den Lieferwagen und zog seinen Freund unter den kleinen Unterbau der anliegenden Scheune. Glücklicherweise war es dort stockdunkel und die beiden waren erst einmal in Sicherheit vor möglichen, unberechenbaren Attacken.
„Kreizdeifi“, fluchte Andreas leise und drückte seinem Freund dankend die Hand. „Das hätte ziemlich in die Hose gehen können. Gut gemacht, Franz!“
Von ihrem sicheren Versteck aus beobachteten die beiden Detektive zwei Männer, die flotten Schrittes auf den polnischen Lieferwagen zugingen. Viel konnten sie leider nicht erkennen, da die Flutlichter auf dem Parkplatz dummerweise ja nur die Frontseite anstrahlten, die beiden Freunde zudem blendeten und die beiden Männer lediglich als Silhouette erscheinen ließen. Franz und Andreas spitzten deshalb die Ohren und lauschten konzentriert. Es schepperte ein wenig – klang nach den Sauerstoffflaschen, die wohl aneinanderschlugen. Dann ein Rumpeln, ein Ächzen und Stöhnen und dann ein Klacken. Die Heckklappe vermutlich. Das war’s dann.
„Die schleppen was“, flüsterte Franz seinem Freund ins Ohr.
„Ist ja gut.“ Andreas‘ Herz pochte wie wild.
„Wollen wir?“
„Wollen wir was, Franz?“
„Na hinterher. Jetzt wird‘s doch erst interessant.“
Andreas brauchte einen Moment, um seine Gedanken zu ordnen. Spontan kam ihm eine verunglückte Aktion mit seinem Freund in den Sinn. Die beiden waren in einen Hinterhalt geraten und bedauerlicherweise in einen Weinkeller eingesperrt worden. In einem Weinkeller eingesperrt zu sein ist eigentlich eine tolle Sache – eigentlich. Denn wer kommt schon mal in den Genuss, sich mit einem Freund auf Kosten anderer mit den edelsten Tropfen zu betrinken. Das Problem allerdings: Korkenzieher Fehlanzeige. Franz und Andreas mussten die ganze Nacht lang durchhalten; ohne Schlaf und vor allem ohne einen einzigen Schluck der erlesenen Jahrgänge. Nur anschauen durften sie die Flaschen und die Etiketten studieren, was sich verständlicherweise schon bald als äußerst unbefriedigend herausstellen sollte. Diese Nacht wird der kleine Mann niemals vergessen.
„Auf geht’s, Andi, gemma, kumm“, drängelte Franz spürbar adrenalingeladen.
„Ist ja schon gut. Geh‘ du mal voraus!“
Die beiden Polen hatten sich mittlerweile schleppend bis zur Hotelpforte geschunden. Im Licht des hell erleuchteten Eingangsbereichs war nun auch zu erkennen, was es war, das ihnen zusetzte: „Die nehmen die Taucherausrüstung mit aufs Zimmer?“ Verwundert kratzte sich Franz an seinem grauen Hinterkopf. „Lass uns mal hinten rum gehen und durchs Fenster spionieren.“
Franz’ Plan war grundsätzlich nicht schlecht. Da an jenem Tag anscheinend sehr wenige Gäste in der Herberge waren, sollte man das Zimmer der polnischen Männer ganz einfach über die Raumbeleuchtung ausfindig machen können. Grundsätzlich war der Plan wirklich nicht schlecht, aber das einzige Zimmer, in dem Licht brannte, war oben im zweiten Stock.
„Na toll“, seufzte Franz. „Und nun? In schlechten Filmen steht doch normalerweise immer irgendwo eine Leiter parat.“
Andreas leuchtete ein wenig planlos mit seiner Taschenlampe in die dunkle Nacht. Im Licht der LED-Leuchte fiel ihm dabei eine kleine Wendeltreppe an der Wand auf. Sie schien recht neu und war wohl im Zuge der Umbauarbeiten des Hotels als Fluchtweg installiert worden. Seine Taschenlampe senkrecht an der Konstruktion nach oben führend erkannte er, dass die Treppe genau an der Stelle endete, wo das Licht in den Zimmern brannte – wie in einem schlechten Film eben.
„Danke Andi, das ist der Plan!“
„Wenn du mich nicht hättest“, lachte er zufrieden.
Geradewegs ging Franz auf den Aufgang zu und betrat die erste Stufe. Die beiden Detektive mussten leise sein. Schritt für Schritt schlichen sie sich spiralförmig nach oben. Langsam, ganz sacht. Andreas folgte unauffällig. Bevor sie das Ende der Treppe erreicht hatten, inspizierten sie den kleinen Balkon. Auf jeder Seite gab es einen Mauervorsprung. Einer davon sollte als Versteck taugen. Franz stellte sich ganz nah an die Mauer, schob seinen Kopf leicht um die Ecke und lugte durch das Fenster. Andreas ging in die Knie und tat ihm gleich.
„Da liegt einer auf dem Boden“, bemerkte Franz verstört. „Ist der tot oder schläft der nur seinen Rausch aus?“
„Du musst nicht immer gleich vom Schlimmsten ausgehen“, schimpfte Andreas leise. „Warten wir doch erst mal auf die beiden anderen. Die werden sich schon um ihn kümmern.“
Die Tür zur Suite öffnete sich. Tomasz und Jan schleppten den Taucheranzug hinein. Als sie bemerkten, dass ihr Freund auf dem Boden liegt, ließen sie das Neopren fallen und eilten ihm zu Hilfe. Jan schüttelte ihn. Immer wieder und immer fester. Keine Regung. Tomasz eilte hastig in einen Nebenraum und kam kurze Zeit später mit Badetüchern zurück. Der schmächtige Pole hielt die Tücher über Stanislavs Gesicht und wrang sie aus. Wie eine Rakete sprang der plötzlich auf und packte Tomasz mit seinen großen Händen fest am Hals. Der junge Mann konnte sich gerade so aus dem Klammergriff befreien, torkelte rückwärts und ging wie paralysiert auf Abstand. Doch Stanislav ließ nicht locker. Vom alkoholaufgeweichten Suffschädel getrieben stürmte er auf Tomasz zu und packte ihn noch einmal am Kragen. Diesmal fester. Das rief nun auch Jan auf den Plan. Er ging dazwischen. So unvorsichtig jedoch, dass er mit seinem Gesicht direkt in Stanislavs gespannten Ellbogen lief. Das Gelenk ging glatt am Auge vorbei, traf die Nase und Jan sank zu Boden.
„Mann, Mann, das ist ja wie im Wilden Westen“, kicherte Franz. „Zu dumm, dass ich das jetzt nicht filmen kann.“
„Genieße, was du siehst und warte, was noch so passiert“, kommentierte Andreas süffisant. Er nahm das visuelle Vergnügen gerne an und erinnerte sich an früher; an die Rangeleien auf dem Land, an die Schlägereien in den Bierzelten, an die Raufereien in den Wirtshäusern. Daran, dass es schon immer Männer gab, die an das Ende ihrer üblicherweise kurzen Argumentationskette lediglich ihre Muskelkraft als Ultima Ratio parat hatten.
„Wo wohl der letzte bleibt?“ Kaum hatte Franz neugierig den Kopf noch etwas weiter über den Mauervorsprung geschoben, schon öffnete sich die Tür zur Suite und Marek betrat den Raum. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die beiden Balkongäste überwiegend einen Stummfilm vor Augen. Die neuen Fenster im Hotelbereich des Gasthauses waren äußerst schalldicht. Doch Mareks Schrei und eine darauffolgende weitere heftige Wortsalve sollte nicht nur dickstes Glas durchdringen, sondern den drei Raufbolden so sehr durch Mark und Bein fahren, dass sie innerhalb von Sekunden voneinander abließen.
„Die sind dem Chef wirklich hörig“, grinste Andreas, wollte sich gerade noch sein Lachen verkneifen, als er unversehens umknickte und breitseitig auf den mit Holzbrettern belegten Balkonboden kippte. Bei dem unkontrollierten Manöver fiel ihm die LED-Leuchte aus der Tasche, die dabei unglücklicherweise so ungeschickt kippte, dass sie anging und ihren Lichtschein auf die Balkontür warf. Andreas hatte sie noch greifen wollen. Es war aber schon zu spät. Marek hatte den Lichtschein nämlich schon bemerkt. Er schrie. Noch lauter als zuvor. Stanislav, Jan und Tomasz drehten sich wie auf Kommando zur Tür. Und Marek befahl den Angriff.
„Scheiße Franz, die haben uns gesehen.“ Andreas rappelte sich auf, griff die Taschenlampe, packte seinen Freund an der Jacke und zog ihn weg. Jetzt zählte jede Sekunde. Die Feuerleiter wie ein geölter Blitz hinab geschossen, hasteten sie hörbar schwer schnaufend Richtung Parkplatz. Den Blick dabei immer leicht nach hinten gerichtet. Im Dunkeln konnten sie zuerst niemanden erkennen. Nur die Stimmen der Verfolger waren zu hören. Sie wurden immer lauter. Würden sie es schaffen, den brutalen Kerlen zu entkommen? Noch im Laufen zog Andreas mit zittrigen Händen den Autoschlüssel aus der Tasche. Schier erschöpft drückte er auf den Knopf. Orientierungslos. Es war zu dunkel, um irgendetwas zu erkennen. Die Zentralverriegelung seines BMW Z4 funktionierte. Zum Glück. Die Türen klackten. Die Blinklichter blitzten kurz auf und wiesen den beiden den Weg in die Freiheit. Nur noch ein paar Meter. Franz hechtete auf die Beifahrerseite, Andreas riss die Fahrertür auf und sprang in das Auto.
„Schnell Franz, steig ein!“
„Bin doch schon drin, fahr los!“
Fieberhaft verriegelte Andreas die Türen seines Wagens, steckte den Schlüssel ins Zündschloss und startete den Wagen. Im Rückspiegel erkannte er nun erste leichte Umrisse der Verfolger. Um auch weiterhin unerkannt zu bleiben, ließ er rein intuitiv die Scheinwerfer aus.
„Halt dich fest Franz, das wird jetzt eine Blindfahrt!“
Bis zum Anschlag drückte der kleine Mann das Gaspedal durch. Der Kickdown klang gequält. Der Motor heulte auf. Die Reifen scharrten im Sand. Andreas‘ Augen hatten sich zwischenzeitlich zwar einigermaßen auf die Dunkelheit eingestellt, die enge Straße den Berg hinauf ohne Licht zu fahren, sollte im Nachhinein dann doch als kleine Meisterleistung in die Annalen der BMW-Geschichte eingehen.
„Jetzt links und dann voll Stoff“, mimte Franz den Co-Piloten und konzentrierte sich voll und ganz auf seinen Freund, der wie Walter Röhrl zu dessen besten Zeiten atemlos durch die Nacht preschte. „Jetzt rechts in den Feldweg!“ Die perfekte Abkürzung.
Nach ein paar holprigen Sekunden hatten sie es endlich geschafft. Die Staatsstraße lag verlassen vor ihnen. Endlich konnte Andreas die Scheinwerfer anmachen. Mit quietschenden Reifen scherte sein Z4 ein. Jetzt nochmal richtig rauf aufs Gas und ab nach Hause. „Sakradi, des war jetzt eine grandiose Nummer“, klopfte er sich selbst verbal auf die Schultern.
„Das hast du hervorragend gemacht. Hätte ich dir altem Mann gar nicht zugetraut“, lachte Franz, nachdem er sich geschüttelt hatte und wieder durchatmen konnte. „Haben die uns erkannt?“
„Ich geb‘ dir gleich einen alten Mann. Mit deinem impotenten Franzosen-Schnauferl wären wir wahrscheinlich gnadenlos verloren gewesen. Kauf dir amal a gscheids Auto! Und nein, die konnten uns ganz sicher nicht erkennen. Es war doch viel zu dunkel. Ich denke, es ist nochmal gut gegangen.“
„Dann bin ich ja beruhigt“, schnaufte Franz „Aber Andi, wir brauchen einen neuen Plan. Es darf nicht sein, dass die uns den Schatz oder was auch immer da im See herumschwimmt, vor der Nase wegschnappen. Nicht die, nein, die niemals nicht!“
„Auf keinen Fall, Franz! Aber wir müssen künftig etwas vorsichtiger sein. Mit denen ist offensichtlich nicht zu spaßen. Das sind richtige Brutalos. Ruf du morgen mal den Max an und frag ihn wegen des Nummernschildes! Ich kümmere mich um die Münze, fahr‘ zum Müllner Hans. Der tut doch immer so simgscheid und behauptet, dass er alles über altes Geld wüsste. Und lass uns am frühen Nachmittag nochmal eine Tour machen. Wir fahren mit deinem Auto. Das ist unauffälliger. Was auch immer da unten im See liegt, es muss etwas ganz Besonderes sein. Und eines sage ich dir mein Freund: Falls es da wirklich einen Schatz geben sollte, die vier bekommen ihn jedenfalls nicht!“
„Alles klar, Andi. Das machen wir so. Aber jetzt gib Gas!“
Lustvoll ließ Andreas den potenten Motor seines Cabrios noch einmal aufheulen und brauste mit seinem Freund durch die kühle Nacht davon nach Hause.
Von Journalisten und ganz fiesen Machenschaften
Dienstag, 9.36 Uhr. Ein Hochhaus am nördlichen Rande Regensburgs. Rüdiger Eichhorst wohnte schon über zehn Jahre dort im obersten Stockwerk. Wie jeden Morgen hatte sich der Journalist gerade eben die abonnierten Tageszeitungen aus dem Briefkasten geholt und studierte, wie ebenso jeden Morgen, heute schon den vierten Glimmstängel qualmend, das Weltgeschehen. Neben dem wie gewöhnlich überquellenden, viel zu kleinen Aschenbecher dampfte friedlich frischer Filterkaffee vor sich hin. Schwarz, ohne Zucker. So trank ihn Rüdiger Eichhorst immer am liebsten.
Unter dem Namen Rüdiger kannte ihn aber eigentlich niemand mehr. Na ja, seine Mutter, klar, und auch seine Familie im nördlichsten Zipfel von Schleswig-Holstein, wo er zur Welt gekommen, aufgewachsen war und studiert hatte und von wo aus er sich vor einigen Jahren in den Süden Bayerns hat versetzen lassen. Müssen. Da war was mit einer Frau. Eigentlich war da was mit vielen, mit sehr vielen Frauen. Aber die eine, um die es im Speziellen ging, die war verheiratet; dummerweise mit einem Star-Anwalt. Und der hatte die beiden in flagranti erwischt. Beim wilden Sex versteht sich. Damals kam Rüdiger nicht, er ging. Beim ersten Mal unfreiwillig, nach einem Schreiben des Anwalts ohne zu murren weg aus seiner Heimat. Gelernt hatte er aus der Sache relativ wenig. Nur so viel, dass, wenn man nicht aufpasst, ein unkontrollierter Sexualtrieb so richtig teuer und vor allem ausgesprochen unangenehm werden kann.
Unter Rüdiger Eichhorst kannte den Journalisten gewiss auch der Punkte-PC in Flensburg, und, ja, auch der Porno-Laden am anderen Ende der Stadt, in dem das Nordlicht schon kurz nach seiner Ankunft in Bayern Stammkunde gewesen war. Nach einem halben Jahr hatte man ihm die Mitgliedskarte vergoldet. Rüdiger stand auf „ausgefallene Spielchen“. War zumindest so auf der Kartei-Karte notiert. Und für Rüdigers erotische Abenteuer hatte der Porno-Laden eben immer die aktuellsten Produkte auf Lager. Exklusiv für ihn versteht sich. Guter Preis, gute Wirkung.
Den Rüdiger also, den nannten sie alle nur Rudi. Und weil sein Nachname unter den ganzen Hubers und Meiers auch recht exotisch anmutete, hatten ihn seine Bekannten in Regensburg kurzerhand auf Müller umgetauft.
Rüdiger Eichhorst, alias Rudi Müller, war also schon lange in der Domstadt. Neben vielen privaten Kontakten hatte er sich auch ein Netzwerk in Wirtschaft und Politik aufgebaut. Er wusste viel. Was da zwischen den Stadtoberen und dem Bauriesen lief, von den Spenden, er wusste es, schon lange bevor die Sache aufflog; schwieg aber. Von illegalen Immobilienspekulationen einer großen Regionalbank wusste er auch. Er wusste von Millionen, die sie auf ausländischen Konten gelagert hatte. Aloa! Er wusste es, schwieg aber. Rudi Müller kannte auch die Namen derer vermeintlich gutmütigen Schwarzkittel, die sich über Jahrzehnte hinweg Schuljungen in ihre Betten geholt und sich an den Buben vergangen hatten. Nicht nur einmal. Nicht nur in der Nacht. Er wusste das, schwieg aber auch diesbezüglich.
Der 39-jährige schlanke Mann lebte sehr gut vom Schweigen. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich kaum noch mit dem offen geschriebenen Wort. Nur noch dann, wenn er wirklich dazu Lust hatte und die Geschichte sein stadtinternes Netzwerk nicht tangierte. Denn „Reden ist nur Silber“ und „Schweigen ist eben Gold“. Funktionäre, Politiker, Kirchenangehörige, Firmenchefs, Vorstandsvorsitzende und so manch anderer zahlten ihn gut für sein Schweigen. Rudi kannte eben genau die richtigen Leute. Genau die, die wiederum andere Leute ganz genau kannten. Und jeder wusste was über den anderen, was niemand sonst über denjenigen wissen durfte. Rudi wusste fast alles. Er zählte zu den schmutzigsten, hinterhältigsten und intrigantesten Journalisten, die jemals auf die Welt losgelassen worden waren. Und er liebte es so sehr.
Würde er die Verflechtungen zwischen all den bekannten und auch weniger bekannten Persönlichkeiten Regensburgs auf ein Blatt Papier skizziert haben, um anlässlich eines, sagen wir finalen Showdowns allesamt öffentlich an den Pranger zu stellen, die Skizze würde die Komplexität des METRO-Plans der Stadt Paris weit mehr als zehn Mal toppen. Das, würde man es visualisieren, mehrere Quadratmeter große Spinnennetz, gespickt mit Intrigen, Geldwäsche-Infos, Spendenaffären, kirchlich abgesegneten Sex-Spielchen und vielen anderen fiesen Gemeinheiten, es gab es nur in seinem Kopf. Aufzeichnungen hatte er keine gemacht. Zu gefährlich. Sein Gehirn war sein Kapital. Monatlich flossen tausende von Euros auf sein Konto. Alles ganz offiziell. Alles auf Rechnung. „Journalistische Leistungen“ müssen eben nicht immer nach Zeile abgerechnet werden. Pauschalen lohnen viel mehr. Und Steuern bezahlte er auch ganz brav. Ein korruptes aber dennoch äußerst einträgliches Geschäftsmodell. Kurz: Rudi Müller war das, was man gemeinhin ein Dreckschwein nennen würde.
Seine Kaffeetasse war mittlerweile leer. Genüsslich zündete er sich eine weitere Zigarette an, als das Telefon klingelte.
„Müller?“ Gespannt hörte er der Frauenstimme am anderen Ende der Leitung zu. Ab und zu entwichen ihm ein interessiertes „Oh“ oder ein wohlwollend zustimmendes „Ja, fein!“ Rudi öffnete seinen Terminkalender und notierte mit einem schwarzen Kugelschreiber für den späten Nachmittag um 17 Uhr ein „G“. „Bis später dann, und zieh dir was Hübsches an, ich freu mich auf dich! Ciao, Schätzchen!“
In all den Jahren seiner umfangreichen beruflichen und privaten Aktivitäten hatte Rudi Müller freilich jede Menge Frauen kennengelernt. Regional einschränken wollte sich der Besitzer einer goldenen Pornoladen-Mitgliedskarte auf gar keinen Fall. Er legte Wert auf sexuelle Abwechslung, auf die freie Wahl. Zum Frühstück eine von der Stadt und abends mal so richtig rauf aufs Land.
Und wie es der Zufall wollte, sollte auch die Gabi zu seinem Bekanntenkreis zählen. Diejenige welche Gabi, die seit zwei Jahren in dem Gasthaus am Eixendorfer Stausee arbeitete. Diejenige welche, die Andreas gestern versucht hatte, anzubaggern, und die ihn gnadenlos hat abblitzen lassen. Was sie dem Rudi eben am Telefon erzählt hatte, klang in dessen Ohren wie eine richtig gute Story. So eine Story, für die man seinen Hintern auch gerne mal aus der Bequemlichkeitsposition heraus bewegt, Stift und Notizblock aus der Versenkung holt, sich in sein Auto setzt, hinfährt und sich die Sache vor Ort anhört. Wenn man die „journalistischen Leistungen“ auch noch mit „privaten Zusatzleistungen“ verknüpfen kann, ist das doch das Beste was einem passieren kann.
Rudi nahm das Leben immer so, wie es ihm gerade passte. Für ihn gab es nur Schwarz oder Weiß. Sprich: Wer nicht nach seiner Pfeife tanzen wollte, flog gnadenlos aus dem Raster. Wo es langzugehen hatte, bestimmte er. Nur er. Ob beim Geld scheffeln oder bei seiner liebsten Freizeitbeschäftigung, die er für gewöhnlich auf dem Rücken liegend, manchmal auch stehend ausübte. Wie er eben gerade hoch kam.
Es klingelte an der Tür. Rudi hatte am Haupteingang und vor dem Eingang zu seiner Penthouse-Wohnung Kameras installieren lassen. Klingt paranoid, aber wer so viel über andere weiß wie er hat ganz klar auch viele Feinde. Dem Journalisten war scheinbar klar gewesen, dass er irgendwann einmal für ein paar Wochen oder Monate untertauchen müsste. Doch noch lief alles ganz nach Plan. Er hatte alles unter Kontrolle. Das Netzwerk funktionierte. Die Gelder flossen. Keine besonderen Spitzen. Außer diejenigen sexueller Natur. Und die stellten für das potente Nordlicht keinerlei Gefahr dar. Eher eine tägliche Herausforderung. Denn so etwas wie seinerzeit in seiner Heimat sollte ihm keinesfalls noch einmal passieren.
Draußen vor der Tür stand Sara, sein Date für diesen Vormittag. Nichts Aufregendes. Auf Rudis persönlicher Skala ein „gerade noch befriedigend“: Kurzes blondes Haar, kleine Hügel im Gesicht, winzige Brüste, keine wirkliche Schönheit, wie man sie sich als Potenz-Bolzen wünschen würde. Egal. Hauptsache „gerade noch befriedigend“.
Den ganzen Tag hatte sich der Regensburger schon darauf gefreut, sein neues Sexspielzeug auszuprobieren. Das Paket war tags zuvor geliefert worden. Stunden vergingen, in denen er wildeste Phantasien durchlebte und sich ausmalte, was er mit dem Teil aus Latex alles anstellen würde. Dass Sara Zeit und vor allem Lust hatte, war ein Glücksfall für den 35-jährigen. Rudi warf sich seinen rosa Seidenumhang über den behaarten Körper und öffnete der Teilzeit-Grazie die Tür zu seiner Penthouse-Wohnung. Sechs Stunden bis zum nächsten Termin, das sollte reichen für einen ausgiebigen Probelauf. Oder auch für zwei oder drei, je nachdem.
„Komm hoch Sara“, hauchte er ins Mikrofon und fügte lasziv hinzu: „Es ist angerichtet!“
Das jüdische Mädchen
Die beiden Detektive hatten sich für den Nachmittag auf einem Parkplatz in der Nähe von Neunburg vorm Wald verabredet. Franz war als erster da und wartete geduldig auf seinen Freund. Bereits auf der Fahrt dorthin hatte er mit Max telefoniert, einem ehemaligen Schulkameraden, der vor einigen Monaten in eine hoch dotierte Stelle bei der Kripo befördert worden war. „Unter Verschwiegenheit“ und unter der Voraussetzung „dass du das nicht von mir hast“ bestätigte der Polizist die Vermutung: Das Europa-Kennzeichen des Żuk, des froschgrünen polnischen Lieferwagens, war tatsächlich gestohlen worden. Es gehörte eigentlich zu einem Audi A8. Der polnische Besitzer hatte es bereits als „vermisst“ gemeldet und Anzeige erstattet.
Offiziell hätte Max am Telefon Dinge sagen müssen wie „Ich muss das der zuständigen Dienststelle melden“, „Lasst die Finger davon!“ oder „Das ist Sache der Polizei.“ Ihm war allerdings auch klar gewesen, dass sich die beiden Hobby-Detektive eh nicht davon hätten abhalten lassen, ihre Nase in Dinge zu stecken, die sie nichts angehen, weshalb er Franz am Telefon spontan weitere Unterstützung zugesagt hatte. Nicht zuletzt deswegen, weil er als Kriminaler so immer über aktuellste Geschehnisse informiert werden würde und ein Auge auf die beiden hatte. Ein ziemlich geschickter Schachzug des Kommissars.
Da flitzte auch schon Andreas mit seinem Z4 schnittig um die Kurve, winkte und parkte gleich neben Franz‘ roten Renault. Rucksack und Jacke packte er um, stieg in den Franzosen ein und dann ging es auch schon los in Richtung See.
„Du zuerst.“ Andreas wollte vorab wissen, was sein Freund über das Kennzeichen herausgefunden hatte. Weil Franz die Sache mit der Münze allerdings für viel wichtiger hielt, fasste er sich bewusst kurz und tat das Ganze eher beiläufig ab.
„Brav! Das ist doch gut, wenn uns Max auch diesmal helfen wird“, freute sich Andreas. „Macht die Sache wieder einmal einfacher und die Recherche unkomplizierter. Max, dein Freund und Helfer!“
„Klar. Er kann gar nicht anders“, schmunzelte Franz, drängelte allerdings: „Jetzt erzähl schon, Andi, was gibt’s Neues von der Münze?“
Andreas musste – wie immer – ein klein wenig ausholen und fing im Jahre 1924 an. Zu der Zeit waren die ersten Reichsmark-Münzen herausgegeben worden. Die Währung war bis zur Weltwirtschaftskrise 1929 stabil gewesen. Um die Kosten für Aufrüstung und den zweiten Weltkrieg zu finanzieren, war jedoch viel ungedecktes Geld in den Umlauf gekommen, was die bis dahin stabile Reichsmark ins Wanken gebracht und schließlich 1943, also noch vor Ende des zweiten Weltkriegs, auf dem internationalen Devisenmarkt so gut wie wertlos gemacht hatte.
„Hm, Theorie“, unterbrach Franz. „Und warum der hohe Sammlerwert? Warum die Klassifizierung als Rarität?“
„Angeblich wegen des hohen Silberanteils“, antworte Andreas.
Franz schaute ein wenig ernüchtert drein und entgegnete enttäuscht: „Das war’s schon?“
„Ich bin noch lange nicht fertig, mein Freund. Jetzt kommen wir zum spannenden Teil.“ Andreas holte tief Luft, machte eine kleine Pause, weil er zufrieden bemerkt hatte, dass es in Franz wieder einmal brodelte, und setzte seine Erzählung in der üblichen epischen Ausführlichkeit fort.
„Die Weltwirtschaftskrise machte damals auch nicht vor den Verwaltungen der Städte und Gemeinden halt. Auf der Suche nach Wegen aus der prekären Situation wählte man auch seinerzeit den Weg der Steuererhöhung. Unter anderem langte man den jüdischen Mitbürgern mächtig in die Taschen. Die Städte Augsburg und Würzburg führten Anfang 1932 eine Kopfsteuer auf sie ein. Auch Regensburg hatte Lunte gerochen. Viele Steuergelder liefen über die kommunalen Bücher und sollten entsprechend öffentlich Verwendung finden.“
„Lass mich raten“, warf Franz aufgeregt ein, „in Regensburg sind viele Steuern irgendwo in dunklen Kanälen verschwunden, was ja nicht wirklich was Neues wäre.“
„Na ja“, lachte Andreas, „auf jeden Fall nicht in den Üblichen. Das hat zumindest die Christa behauptet.“
„Christa? Ich dachte du wärst heute wegen der Münze nur beim Müllner Hans gewesen.“
„War ich auch, aber dann bin noch zur Christa gefahren. Du weißt doch: sie kennt hier fast jeden in der Gegend und erzählte mir eine kuriose, schier unglaubliche Geschichte, die angeblich in der Domstadt begonnen und im ehemals ungefluteten Tal zu Ende gegangen sein soll. Bis heute weiß niemand, ob sie wirklich wahr ist. Auf jeden Fall ging es um zig Tausende Reichsmark und um zwei Morde, die nie vollständig aufgeklärt werden konnten.“
„Reichsmark? Morde?“ Franz spielte nervös am Gaspedal. „Andi du machst mi narrisch.“
„Freut mich“, lachte Andreas. „Also, die Gerüchteküche brodelte damals sehr. Es wurde behauptet, dass ein Mitarbeiter der Stadt Regensburg, sagen wir, eine etwas pikante Affäre mit einer Frau aus einer jüdischen Familie hatte. Sie liebten sich angeblich so sehr, dass sie eines Tages gemeinsam die Entscheidung getroffen hätten, wegzugehen aus Regensburg, gemeinsam wegzugehen aus dem Land, gemeinsam zu fliehen. Auch deshalb, weil sich der Hass gegen Menschen jüdischen Glaubens wieder einmal massiv in den Köpfen der dummen Menschen manifestiert hatte und das Liebespaar in der Stadt niemals hätte leben, geschweige denn überleben können. Das Geld für die Flucht soll aus Steuergeldern bestanden haben, die der Bedienstete, an der offiziellen Regensburger Stadtkasse vorbei, wohl irgendwo hin abgezweigt haben soll. Man hatte wohl damals schon immer nach einer Antwort auf die Frage der Notwendigkeit dieser Veruntreuung gesucht. Denn eigentlich entstammte der kluge Mann einem reichen Elternhaus und hätte genügend Zaster gehabt.“
„Der Nervenkitzel vielleicht“, warf Franz ein, „oder der Drang, unabhängig zu sein? Kann mir gut vorstellen, dass er einfach nur frei sein wollte. Vielleicht konnte er einfach vor lauter Liebe nicht mehr klar denken.“
„Wie auch immer, Franz. Über persönliche Befindlichkeiten weiß man nicht allzu viel. Jedenfalls: Ein Oberinspektor namens, keine Ahnung, war der Veruntreuung auf die Schliche gekommen und hatte den Ballon platzen lassen. Der 25-jährige Dieb musste die Steuergelder rausrücken, wurde daraufhin unehrenhaft aus dem Dienst entlassen. Von einer Strafverfolgung hatte man angeblich abgesehen, da der junge Mann ja einer wohlhabenden, wohlgemerkt arischen Industriellen-Familie entstammte. Die vermeintlich besseren hatten früher ja immer einen Bonus.“
„Gut Andi, und wie kam das Geld nun in den See? Das ist doch das, was uns interessiert.“ Franz musste vor lauter Aufregung mal rechts ranfahren, um tief durchzuatmen.
„Ruhig, mein Freund. Also. Die Tausende Reichsmark waren zwar damals konfisziert und vorerst weggesperrt worden. Das viele Geld aber aus dem Keller des ungesicherten Regensburger Rathauses zu stehlen, es in den, sagen wir ‚ausgeliehenen‘ Mercedes seines Vaters zu packen, und mit seiner Geliebten abzuhauen, soll für den jungen Mann angeblich leichter gewesen sein als gedacht. Auf der Flucht in Richtung Freiheit, so endet die Geschichte nun auch schon fast, sei die Kiste mit den gestohlenen Steuergeldern auf sonderbare Weise verschwunden. Auf Nimmerwiedersehen könnte man sagen.“
„Ok. Schöne Geschichte. Wirklich schöne Geschichte. Aber wo bleibt bitte die Verbindung zum Eixendorfer Stausee?“
Andreas grinste: „Die kommt jetzt!“
„Oh Mann, Andi.“ Franz war schon ganz deprimiert. „Wie sehr ich deine Philosophie-Einlagen schätze…“
„Und ich erst“, lachte Andreas. „Also gut, jetzt komm ich zum Punkt. Versprochen. Die Regensburger Industriellenfamilie hatte nach dem Verschwinden des Wagens des Vaters die Polizei alarmiert. Die fand das Auto zwei Tage später verlassen mit platten Reifen in der Nähe der ehemaligen Höllmühle. Du weißt, da hinten im östlichen Teil des heutigen Stausees, wo einst die Glasschleifen an der Schwarzach waren. Und einige hundert Meter weiter lag das Liebespaar in einem angrenzen Waldstück. Tot. Ermordet. Damals gab es ja die Wutzschleif schon. Ein Gast der damaligen Schänke wollte die jungen Leute kurz vor deren Tod mit einem Koffer herumschleichen gesehen und sich nichts dabei gedacht haben. Damals war es ja noch üblich, dass man oft zu Fuß auf Reisen ging und darauf hoffte, in einem Karren ein paar Kilometer mitgenommen zu werden. Die Menschen hatten es Anfang des 20. Jahrhunderts nicht so gut wie wir. Das ist dir doch bewusst, oder?“
„Sicher doch. Das erklärt aber immer noch nicht, warum das geklaute Geld im einstigen Tal versteckt worden sein soll“, hakte Franz nochmals nach.
„Richtig. Allerdings habe man nach dem Öffnen des Mercedes darin sowohl den Koffer des Mannes als auch den der Frau gefunden. Und, so hatte es angeblich ein kleingeistiger Dorfpolizist am Stammtisch herumgeprahlt, einen relativ tiefen Abdruck in dem mit Leder verkleideten Kofferraum. Daneben ein paar Münzen. Die Kripo sei deshalb davon ausgegangen, dass an der leeren verbeulten Stelle eine schwere Kiste gelagert haben muss. Die Kiste aus Regensburg. Die Kiste mit dem Diebesgut.“
„Wacklige Indizien. Da scheint mir sehr viel hinzuerfunden worden zu sein, Andi. Denkst du nicht auch? Mir sind das schon wieder viel zu viele Zufälle auf einmal.“
„Wenn Geschichten über Jahrzehnte hinweg immer wieder weitererzählt werden, erfindet man natürlich immer etwas Neues hinzu, schmückt mit Details. Aber der Kern muss wahr sein.“
Gedankenschwanger startete Franz seinen Wagen. Nur noch ein paar Minuten bis zum Stausee. Just in diesem Moment raste ein schwarzer Porsche in einem Affenzahn vorbei. Der Franzose wackelte. Andreas schluckte. Franz drückte auf die Bremse.
„Kreizdeifi nommal nei“, entfuhr es Andreas. „Wos is na des fia a Narrischer?“
„Da fragst du no? Schau doch mal aufs Kennzeichen: Des is so a hirnverbrannter Stoderer.“
Franz atmete kurz durch, fasste sich, schaute zur Sicherheit nochmal in den Rückspiegel, denn Regensburger gibt es ja viele, und fuhr vorsichtig auf die Straße. „Alles schön und gut. Aber was machen die vier polnischen Männer hier?“
„Das mein Freund“, entgegnete Andreas zuversichtlich, „werden wir beide herausfinden. So wie immer.“
Drei Polen in Seh-Not
Die beiden Freunde waren mittlerweile am Eixendorfer Stausee angekommen. Franz stellte seinen Renault gleich nach der Brücke auf dem Parkplatz an der Staatstraße Richtung Rötz ab. Die Brücke war berühmt berüchtigt. Nicht wenige Menschen hatten auf ihr in den zurückliegenden Jahren durch einen Sprung aus 30 Meter Höhe den Freitod gesucht. Das Bild von fein säuberlich zusammengelegten Kleidungsstücken und abgestellten Schuhen in ihrer Nähe war den Einsatzkräften aus der Umgebung nur allzu vertraut. Die Brücke hatte aber auch etwas Schönes. Bei gutem Wetter konnte man von der Mitte aus weit über den Stausee blicken; fast bis ans nördliche Ende und über den kompletten zentralen Bereich im westlichen Abschnitt. Der beste Ausgangspunkt für Recherchen, für die ein ganz besonderer Weitblick gefordert war.
Franz holte seine Kamera aus dem Kofferraum. Andreas zog seinen alten Feldstecher aus dem Rucksack. Der Weg zur Mitte der Brücke war nicht weit. Gerade mal hundert Meter. Bereits auf dem Weg dorthin sahen die beiden einige Segelboote, die wieder einmal mit Windstille zu kämpfen hatten. Die Nussschalen gehörten zu dem Yacht-Club, der sich vor Jahren an der Süd-West-Seite des Sees angesiedelt hatte. Zynisch stimmte Franz Bob Dylans ‚Blowing in the wind‘ an und lachte. Nur kurz jedoch, denn er hatte noch etwas anderes entdeckt auf dem See. „Siehst du das dunkle Schlauchboot da hinten? Sitzen da nicht unsere polnischen Freunde drin?“
Andreas zückte sein Fernglas aus den 70er Jahren, das ihn oft zu militärischen Späßchen inspirierte, visierte das Boot an und sprach mit gequetschter Berichtsstimme: „Melde gehorsamst, Herr General. Positiv. Drei Männer bestätigt. Ein Mann in Taucheranzug. Zwei Männer mit Papier in Hand. Vermute eine Karte, Herr General. Kein Bier in Sicht.“ Das Fernglas langsam abnehmend fügte er an: „Franz, das schaut aus als ob die überhaupt keinen Plan hätten. Außer den auf Papier.“
„Woran erkennst du das?“ Franz konnte mit dem Teleobjektiv seiner Foto-Kamera zwar weit in die Ferne blicken, jedoch nicht weit genug, um Details zu erkennen.
„Na ja.“ Noch einmal setzte Andreas sein Fernglas an die Augen und beschrieb seinem Freund das, was er in der Ferne erblickte: „Der Mann im Taucheranzug wirkt mir sehr ruhig und gelassen. Verständlich. In so einem engen Gummi kann man sich ja auch schlecht bewegen. Die anderen zwei sind am Diskutieren, fuchteln wild mit der Karte herum und scheinen etwas unschlüssig zu sein, ob sie jetzt links oder rechts fahren sollen.“
„Haben die sonst noch was auf ihrem Boot?“
„Kann ich schlecht erkennen. Falls sie was dabei haben, dann wird das sicherlich durch die Schlauchbootwand verdeckt.“ Andreas hob sein Fernglas an und justierte nach. „Ha, aber weißt du, was ich noch sehe? Am Uferrand steht der Żuk. Da sitzt einer drin und telefoniert.“
„Scheint dann wohl der Chef zu sein“, vermutete Franz. „Dann lassen wir sie mal weitersuchen, oder? Mehr können wir von hier aus eh nicht ausrichten. Wie wär’s mit einem Bier?“
Lachend klopfte Andreas seinen Freund auf die Schulter. „Das ist eine sehr gute Idee, Franz. Die Gabi wartet ganz sicher schon sehnsüchtig auf uns.“
Die beiden verließen die Brücke, packten ihre Sachen ins Auto und fuhren geradewegs – wenn man das so angesichts der kurvenreichen Gegend so sagen kann – zu dem Gasthaus, das sie tags zuvor so fluchtartig verlassen hatten müssen.
Von Häkelkursen und der „Polen-Mafia“
Im Gasthaus war im Vergleich zum Tag zuvor schon viel mehr los. Hatte sich die Sonne dann doch noch einmal blicken lassen. Den Autokennzeichen nach zu urteilen waren vorwiegend Leute aus der Region da – die Terrasse also bestimmt gut gefüllt.
„Na wer steht dann da genau vor dem Aufgang? Ist das nicht der narrische Regensburger von grad vorhin?“ Der schwarze Porsche, noch vor gut einer halben Stunde über die Straße Richtung Rötz geheizt worden, parkierte äußerst präzise; so, wie die Sportwägen von in der Stadt wohnenden, meist zugereisten neureichen Besitzern immer herumstehen: Irgendwo kreuz und quer und bloß nicht innerhalb der Kennzeichnung. Wäre ja sonst nur Standard. Jemand, der eine aufpolierte Viertelmillion durch die Gegend schippert, gehört schließlich zum Establishment. „Was will man von einem Stoderer auch anderes erwarten“, kommentierte Andreas zynisch: „Die haben’s halt drauf!“
An einigen Tischen der weitläufigen Terrasse saßen Familien mit Kindern bei Kaffee, Spezi und Kuchen. An anderen wiederum amüsierten sich Freunde und rissen Witze bei einer Brotzeit. Eine anheimelnde Biergarten-Stimmung. Nur ein Mann, auf den ersten Blick recht exotisch anmutend, saß ganz alleine an einem großen Tisch. „Das ist bestimmt der Regensburger“, flüsterte Franz Andreas ins Ohr. „So schaut’s aus, mein Freund“, antwortete dieser und setzte sich an den Vierer-Tisch gleich neben dem Solitär. Franz, neugierig wie immer, platzierte sich direkt neben seinem Freund, um den Regensburger mustern zu können. Die Sonne schien den beiden ins Gesicht. Gut so, denn so konnten sie ihre dunklen Brillen aufsetzen und ohne mit ihren neugierigen Blicken aufzufallen, der Dinge harren, die da kommen sollten.
„Na Jungs, wieder da heute?“ Die bekannte Stimme versetzte Andreas augenblicklich in den Charme-Modus.
„Freilich. Bei dem Wetter!“, entgegnete er mit liebreizender Stimme. „Servus Gabi, bringst du uns zwei Weizen bitte?“
„Bring ich euch gleich“, lachte sie.
„Schätzchen, und für mich noch einen Long Island bitte?“
„Was? Hatte der Stoderer grad Schätzchen zu ihr gesagt?“ Andreas kam ins Grübeln. „Und warum bestellt sich der Kerl am helllichten Tag gerade meinen Lieblings-Longdrink? Das geht gar nicht!“
Der Regensburger hatte sich eine Tageszeitung mitgebracht, sie in Einzelteile über den Tisch verstreut. Ein protziges Goldkettchen an der rechten Hand, eine Rolex an der linken. Gold auch am Hals; eine Kette. Das Haar blond geleckt, gelockt. Sein weit geöffnetes weißes Hemd kommunizierte schweigend vermeintlich ausgeprägte Männlichkeit. Darüber ein taubenblaues Sakko mit Einstecktuch. Graue Hose, elegante Schuhe; die Sohlen jungfräulich. Gesamteindruck: Eindeutig metrosexuell – ein eher unpassender Auftritt für einen bayerischen Biergarten. Der Typ jedoch, er schien sich wohl zu fühlen, hätte er doch sonst seine Beine nicht so weit von sich gestreckt und sich auffallend nach hinten gelehnt, um in breiter Erwartung das Zentrum seiner scheinbar potenten Lenden im Licht der Sonne zu präsentieren.
Gabi kam mit den Getränken, stellte zuerst den Cocktail ab, was Andreas sichtlich missfiel. Hatte sie ihn doch tags zuvor mächtig abblitzen lassen und ganz schön an seinem Stolz gekratzt. Franz war klar, dass es jetzt Zeit wäre, seinen Freund auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen und stupste ihn belehrend mit seinem Knie.
„Ich hab‘ gleich Schluss, Rudi, dann können wir reden“, fing Gabi zu allem Übel auch noch an, mit dem Kerl private Dinge auszumachen, was Andreas rasend machte. Nervös klopfte er mit drei Fingern auf den Tisch. Franz war klar: Nun war es Zeit für Plan B. Er nahm die Sonnenbrille ab und schaute demonstrativ auf Andreas‘ rechte Hand. Da blitzte ein Ehering in der Sonne.
Der 50-jährige verstand den Fingerzeig, antwortete seinem Freund mit einem spontanen Daumenhoch und ging vom Gas. Andreas war nämlich glücklich verheiratet – und das seit fast 20 Jahren. Petra war immer schon seine große Liebe und wird auch immer seine große Liebe bleiben.
„So ihr zwei, eure beiden Weizen.“ Wie tags zuvor kokettierte Gabi auch diesmal mit ihrer Weiblichkeit. Die Reaktionsfreude der beiden Freunde hielt sich nun allerdings in Grenzen. Erstens waren sie sich einig, dass solche Spielchen nichts bringen und zweitens waren sie ja hier, um ein Bier zu trinken und sich ein wenig umzuhören. Für „Smalltalk mit Frau“ gab es also weder Grund noch hätten sie Zeit dafür gehabt.
Irgendwo zwischen den Zeitungen auf dem Tisch des Regensburgers brummte ein Telefon und spielte Musik. Angesichts des gigolosen Auftretens hätte man eigentlich etwas epochal Glamouröses erwartet; so was wie Kalinnikow, Porumbescu oder irgendwas von Erik Tulindberg. Würde passen zu solch einem Mann von Welt. Tatsächlich tönte da aber ganz was anderes aus den billigen Lautsprechern des Smartphones: der vor Jahren erschienene, über mehrere Wochen in allen Radiostationen laufende, nervige Nummer-1-Hit „Schnappi“. Die ersten Sekunden des Kinderliedes klangen noch relativ normal; so wie sich ein gewöhnlicher Klingelton eines modernen Smartphones eben anhören kann. Da Rudi allerdings zu lange brauchte, das Telefon aus seinem Zeitungsmüll auszugraben, zudem der Klingelton auf „höllisch laut“ eingestellt war, zog er, als dann schließlich das Kind in dem Lied quietschend zu quaken begann, immer mehr amüsierte Blicke auf sich. Irritiert und peinlichst berührt drückte er auf „Annehmen“, sprang von seinem Stuhl auf, lief auf die Terrassentür zu und stöhnte, noch bevor er mit hoch rotem Kopf in der Gaststätte verschwand, ein „Müller“ in das Mikrofon.
„Mein Name ist Müller, Rudi Müller“, lachte Andreas nun sichtlich entspannt nach dem peinlichen Outing.
„Ich geh‘ ihm mal nach, Andi, inoffiziell versteht sich. Offiziell müsste ich mal für kleine Jungs.“ Sagte es, nahm noch schnell einen Schluck von dem frischen Weizen und folgte Schnappi Müller hinein ins Gasthaus.
Der Regensburger stand da und telefonierte, faselte irgendwas von „Polen-Mafia“ und von einer „super Story“. Franz stutzte, stoppte vor einem mit Tesastreifen an die Wand gehefteten Blatt Papier, drehte Schnappi Müller den Rücken zu und tat so, als würde ihn die Ankündigung auf dem Din A4-Zettel brennend interessieren. „Ein Häkelkurs des Frauenbundes? Man könnt’s ja mal probieren“, kicherte er in sich hinein. Der Detektiv holte sein Smartphone aus der Tasche, machte die Kamera an, stellte sie auf ‚Selfie-Modus‘, kippte sein Telefon ein wenig, bis er auf dem Bildschirm Rudi Müller ganz drauf hatte, und drückte auf den Auslöser. „Bingo“, strahlte er. Rudi Müller hatte gar nichts bemerkt. Er war viel zu aufgeregt, erzählte die wildesten Dinge, gestikulierte dabei mit seinen Händen und trippelte auf dem gefliesten Boden hin und her wie eine Primaballerina. „Lassen wir ihn mal weiter tanzen“, dachte sich Franz, der nun alle notwendigen Informationen hatte und nun endlich die Toilette aufsuchen konnte.
Zwei Minuten später kam er entspannt zurück und sah gerade noch, wie Bedienung Gabi mit Schnappi Müller händchenhaltend durch eine Servicetür in Richtung Hotelzimmer verschwand. „Oha. Wird doch nicht der Hausfreund sein?“ Außer Franz war gerade niemand mehr in der Gaststube. Den Moment ausnutzend eilte er deshalb ohne lange nachzudenken schnurstracks auf das Schlüsselbrett hinter dem langen Schankbalken zu und sah, dass ein Schlüssel fehlte, die Nummer 9. Noch einmal entfuhr Franz ein überraschtes „Oha!“. Er zog ein feistes Grinsen auf und stolzierte zurück nach draußen an den Tisch, wo sein Freund bereits gespannt auf ihn wartete. Franz setzte sich Andreas gegenüber, so dass er ihm tief in die Augen schauen konnte, nahm einen langen Schluck aus dem Weizenglas, stellte es langsam wieder auf den Tisch zurück, holte nochmal tief Luft und genoss den Moment, seinem ungeduldigen Freund wissend gegenüber zu sitzen, und erst mal abzuwarten.
„Ich sehe es in deinen Augen, mein Freund, klär mich auf“, bettelte Andreas sichtlich ungeduldig.
„Nun, Andi, was soll ich sagen.“ Franz zog seine Antwort bewusst in die Länge. Denn endlich konnte er seinem Freund auch mal wieder die Nase lang machen.
„Nun komm schon, was war los?“
„Na gut, also hör zu. Du wirst es nicht glauben. Die Gabi hat was mit dem Regensburger.“ Franz rieb sich freudestrahlend die Hände. „Und jetzt kommt‘s: die beiden Turteltäubchen haben sich gerade zu einem Tête-à-Tête zurückgezogen.“
„Ach deshalb war sie so hektisch.“ Jetzt verstand Andreas, warum Gabi in aller Windeseile die Gäste abkassieret hatte.
„Siehst du? Genau deshalb. Und wir sind es jetzt auch.“
„Ähm, wir auch, Franz?“ Andreas glaubte zu wissen, dass ihm sein Freund noch irgendetwas Wichtiges verschweigen würde, verharrte aber stoisch, um sich nicht die Blöße geben zu müssen.
„Ja wir auch. Ich erzähl dir alles auf dem Weg“, antwortete er und fügte lachend, seine Stimme singend erhebend, an: „Auf dem Weg zu Zimmer 9.“
Andreas war verwirrt: „Zimmer 9, Franz? Ist klar. Haha. Willst du mich veräppeln? In jedem billigen Schwarzweiß-Krimi passiert etwas in Zimmer 9. Es ist immer dieses ominöse Zimmer. In Zimmer 9 wird ein Mann ermordet, in Zimmer 9 checken die fette Reiche und ihr jugendlicher Adonis ein und wir gehen jetzt auch in Zimmer 9, weil da die Gabi mit ihrem Regensburger Tschamsterer gleich Liebe machen wird oder wie soll ich das verstehen?“
„Sorry, für Zimmer 9 kann ich nichts. Ist halt nun mal so. Und ob sie ins Bett hüpfen weiß ich nicht. Aber eines weiß ich: Das hier ist kein Edgar Wallace-Krimi.“
„Nein“, lachte Andreas, „da hast du recht. Der hier ist viel besser!“
Um zu dem ominösen „Zimmer Nummer 9“ zu gelangen nahmen die beiden den offiziellen Weg. Ihre Vermutung war korrekt, dass Zimmer mit einstelligen Ziffern alle im Erdgeschoss lagen. So verließen sie also die Terrasse, huschten an der schwarzen Viertelmillion mit Regensburger Kennzeichen vorbei zum Vordereigang, dann noch durch ein paar Türen in einen Gang, an dessen Ende das besagte Zimmer liegen sollte. Gerade genügend Zeit für Franz, seinem Freund kurz und knapp zu erzählen, was er aus dem Telefongespräch hatte raushören können. Aus den Wortfetzen hatte er sich bereits eine kleine aber durchaus plausibel klingende Geschichte zusammengereimt.
„So wie ich das verstanden habe ist Schnappi Journalist.“
„Ähm, Schnappi, Franz?“
„Klar, Schnappi, Schnappi, Schnappi!“
„Ach so.“ Andreas lachte: „Der ist klasse!“
„Also jetzt ernsthaft: Rudi Müller muss wohl mit einem Verlag telefoniert und dem zuständigen Redakteur eine ‚super Story‘ versprochen haben. Er redete von einer, wie er es ausdrückte, ‚scharfen Lady vom Land‘, die ihm einen Tipp gegeben hätte und mit der er jetzt gleich ein Date hätte. Das muss dann wohl die Gabi sein. Er sagte auch noch, er wüsste was von einer Polen-Mafia, die Geldkassetten im Stausee suche, die wiederum vor etwa 80 Jahren spurlos verschwunden seien. Und dann sagte er noch, dass er wohl noch heute weitere Details recherchieren würde. Und dann musste ich aber so was von dringend auf’s Klo, Andi!“
„Ist klar, Franz, immer wenn’s spannend wird, musst du aufs Klo.“
„He! Es war wirklich dringend! Wie auch immer. Das Puzzle fügt sich doch nun zu einem Bild zusammen“, resümierte Franz. „Rund 80 Jahre nach dem Doppelmord an dem Liebespaar kommen vier Polen an den Stausee und wollen eine Geldkassette heben. Welche Rolle spielt die Gabi? Weiß sie mehr als wir annehmen dürfen? Was hat der Porsche-Heini mit der Sache zu tun? Will Sie vielleicht mit ihm zusammen die Kiste aus dem See holen und auch abhauen? So wie damals das Pärchen aus der Stadt? Wiederholt sich die Geschichte etwa?“
„Kommt Zeit, kommt Erkenntnis, mein Freund. Aber jetzt leise, wir sind da. Da ist das Zimmer mit der Nummer 9.“
Vorsichtig legten die beiden Detektive ihre Ohren an die Tür und lauschten neugierig. Noch hörten sie nichts. Das sollte sich aber in Kürze gewaltig ändern.
Die Gabi und das ominöse „Zimmer Nummer 9“
Gabi und Rudi hatten es sich mittlerweile im Zimmer mit der Nummer 9 gemütlich gemacht. Das riesengroße Doppelbett jedoch, es war noch immer unberührt. Das Zimmer Nummer 9 hatte nämlich eine Besonderheit. Führte doch vor dem Wohn- und Schlafraum ein kleiner Durchgang mit Schiebetür in eine Art Besprechungszimmer. Hotelgäste konnten es für Meetings nutzen, um sich ungestört zu unterhalten. Gabi hatte den Journalisten genau aus diesem Grund gebeten, zu ihr zu kommen. Nicht, wie er dachte, um dessen unbändige Lust zu befriedigen. Nein, auf keinen Fall. Die kesse, leicht durchgeknallte Bauerndirne mit den flotten Hüften und dem Serviertablett auf den zarten Händen – das war alles nur Show. Des Umsatzes wegen. Hatte bisher auf jeden Fall immer sehr gut funktioniert. Mit Rudi wollte sie nur reden. Eigentlich hatte sie nie etwas anderes von dem Regensburger erwartet als lediglich ab und zu ein gutes Gespräch unter Freunden. Sie mochte ihn, fand ihn irgendwie sympathisch. Mehr nicht. Rudi indes, er hatte das nie wirklich verstanden. Schon damals, als er Gabi in einer Regensburger Diskothek beim Tanzen kennengelernt und die erste Abfuhr kassiert hatte, spürte er das Verlangen nach mehr. Ihre abweisende Art machte ihn an. Der wahnsinnige Begehr nach ausgiebigen Rollenspielen setzte sich in seinem kranken Gehirn fest wie ein Geschwür. Und heute sollte endlich der Tag der Eroberung gekommen sein. Länger wollte und konnte er nicht mehr warten.
„Schön, dass du hier bist, Rudi. Du weißt ja, warum ich dich gebeten hatte, heute zu mir zu kommen.“
Die Reaktion des Journalisten traf die junge Frau wie ein Blitz: „Klar, damit wir endlich ins Bett springen, weil du es gar nicht mehr erwarten kannst, du geile Schlampe!“ Rudi war den ganzen Tag schon ganz wild wie ein Stier vor der Kastration, weil das mit Sara, dem Date vom Vormittag, irgendwie nicht so geklappt hatte. Übermannt vom Hormonspiegel und einer unbegreiflichen Besessenheit, packte er Gabi am Oberarm, umklammerte ihn fest und zerrte das wehrlose Ding ins Schlafgemach.
„Hey, lass mich los, ich will das nicht, Rudi, nein.“ Gabi schrie wie wild, öffnete ihre Beine und stemmte sich mit den Füßen gegen den Türrahmen. „Lass mich los, bitte. Ich will das nicht. Verstehst du das denn nicht!?“
Doch Gabis Flehen brachte Rudi erst so richtig in Fahrt: „Ja genau, mach du ruhig schon mal die Beine breit, du Stück, jetzt besorg ich’s dir richtig. Fühl mal, wie hart er schon ist. Mann ist das geil!“
„Rudi du bist ein Schwein. Hör auf damit!“
Die Schreie drangen durch die Tür, vor der sich Franz und Andreas hilflos ansahen.
„Franz?“ Andreas spürte, wie Heldenblut in ihm hoch kochte. „Die Gabi, Franz, der Typ vergewaltigt sie. Wir müssen rein und ihr helfen.“
„Warte noch einen Moment“, hielt Franz seinen Freund von überstürztem Handeln ab, „nur ein paar Sekunden.“
„Dann kann es zu spät sein, Franz. Was glaubst du denn, was der Kerl mit ihr macht? Das hört sich nicht so an als würden sie Monopoly spielen!“ Die Stimmen aus dem Zimmer wurden immer lauter. Und immer lauter und angsterfüllter wurde Gabis Rufen. Andreas brach es fast das Herz.
„Kreizdeifi, zefix, komm‘ jetzt, wir müssen da rein.“ Andreas war nicht mehr zu halten. Wie wild schlug er mit beiden Fäusten an die Tür und schrie: „He, aufhören, macht die Tür auf! Gabi, wir sind‘s! Franz, tu doch was!“
Andreas war vollkommen aus dem Häuschen, Franz hingegen professionell entspannt. Während er seinem aufgebrachten Freund zusah, wie der schon fast die Tür aus den Angeln schlug, probierte er den alten Tür-Trick: Klinke runter drücken, öffnen, eintreten: „Geht doch“, lachte er.
Wie von einem wilden Stier getreten und im selben Moment von einer übermächtigen Turbine angesogen stürmte Andreas in das Zimmer. Franz hinterher. Der konnte gerade noch die Hand seines Freundes festhalten, die dem Journalisten einen Schlag in die Magengegend verpassen hätte sollen und mahnte mit lauter Stimme: „Lass gut sein Andreas, das bringt nur Ärger!“
„Hey Gabi, wow, ein flotter Vierer? Hätte ich gar nicht erwartet von dir.“ Rudi Müller hatte es immer noch nicht geschnallt und forderte lauthals: „Los Jungs, zieht euch aus, das wird eine echt scharfe Nummer.“ Lechzend ließ er mit einer Hand von Gabi ab, fasste sich stolz posierend in den Schritt, zog sich wie zig Mal geübt sein Hemd vom Oberkörper und warf es auf das Bett.
Diesmal kam Franz zu spät. Während sich der Regensburger Sexprotz kurz zur Seite gedreht hatte sollte Andreas schon ein weiteres Mal ausgeholt, dem durchgeknallten Kerl gewaltig eine gescheuert und geschrien haben: „Jetzt halt mal die Luft an, du Volldepp! Niemand wird hier mit dir ins Bett steigen.“ Kurze Atempause, dann fuhr er fort: „Daran brauchst du nicht mal in deinen feuchtesten Träumen denken. Und lass gefälligst die Frau los!“ Das hatte gesessen.
Stille. So sehr Stille, als hätte man einen Film für ein paar Sekunden einfach so angehalten, mal kurz auf Pause gedrückt. Was für ein perfektes Standbild: Franz sah Andreas an, Andreas sah Gabi an, Gabi sah Rudi an. Rudi sah niemanden an. Der starrte nur entsetzt auf den Boden, bis er irgendwann blind nach seinem Hemd griff, es anzog und sich verwirrt zum Fenster drehte.
Nochmals eine kurze Pause.
Während sich alle anderen in dem Raum noch anstarrten, drehte sich Rudi Müller um und brach als erster das Schweigen. „Tut mir leid, Jungs. Tut mir echt leid. Entschuldige bitte Gabi, ich dachte das wäre ein Spiel gewesen. Anscheinend lag ich über Jahre hinweg falsch mit meiner Einschätzung. Tut mir leid. Ich gehe dann besser mal.“ Sagte es vermeintlich kleinlaut, eilte in den Nebenraum, um seine Jacke zu holen, und hetzte zur Tür.
„Du solltest dich mal gründlich durchchecken lassen“, gab ihm Andreas noch schreiend mit auf den Weg, als Gabi plötzlich das Wort ergriff.
„Bleib bitte da, Rudi!“ Ruhig und langsam sprach sie die Worte, die wie Balsam klangen, in Andreas‘ Gesicht allerdings das pure Entsetzen auslösten.
„Entschuldige bitte, Gabi, der Typ wollte dich gerade mal so nebenbei vergewaltigen. Das ist dir schon klar, oder?“
„Ja, ähm Andreas oder? So heißt du doch?“ Andreas nickte und verzog seine Mundwinkel wie ein kleiner verstörter Schuljunge.
„Ja, so heißt er, und ich bin der Franz. Andi hat nicht Unrecht. Wirf ihn einfach raus, den Deppen! Was willst du von dem?“
Rudi stand noch immer offensichtlich schauspielernd geknickt an der Tür, starrte auf den Zimmerboden und hörte einfach nur zu. So, wie er es schon früher hätte tun sollen.
„Nein, jetzt hört mal zu, Jungs. Ich bin ja an der Situation auch ein wenig selbst schuld. Rudi, ich hätte es dir schon früher sagen sollen.“ Gabi stockte.
„Was hättest du ihm schon früher sagen sollen, Gabi“, hakte Andreas verstört nach.
„Nun ja, jetzt ist es wohl Zeit für die ganze Wahrheit.“
„Welche Wahrheit?“ Auch Franz hatte nun die Neugier gepackt. „Jetzt sag schon, wir sind ja unter uns.“
„Also gut. Ich bin schon seit Jahren vergeben. Mein Freund und ich, wir kennen uns schon seit dem Kindergarten und wir werden demnächst heiraten. Es gab und wird nie einen anderen Mann für mich geben.“
Traurig schaute Andreas die liebreizende blonde Frau an und geriet leicht ins Stottern: „Du … du bist vergeben?“
„Hey, du doch auch, Andi“, lachte Franz und gab Franz seinem Freund eine leichte Tatsche auf den Hinterkopf. „Freu dich doch für die Gabi, dass sie die große Liebe gefunden hat!“
Jetzt musste auch Gabi lachen. „Wie, Andreas? Du?“
„Nein, nein, alles gut, Gabi“, unterbrach Andreas intuitiv abwehrend und zeigte der Frau seinen Ehering am Finger: „Schau, ich bin ja auch glücklich verheiratet. Schon seit fast 20 Jahren. Aber träumen wird man doch noch dürfen, oder?“
„Natürlich, aber ich werde bitte kein Teil deiner Träume sein, versprochen?“ Eigentlich widerstrebte es Andreas, zuzustimmen, ließ sich aber dann doch zu einem „Einverstanden“ hinreißen, um die Sache diplomatisch zu klären.
Mit einem noch immer gequälten Gesichtsausdruck klinkte sich Rudi wieder ins Gespräch ein. Als wäre ihm die Mutter Gottes höchstpersönlich erschienen, ließ er alle anderen im Raum an seiner wenn auch späten Erkenntnis teilhaben: „Und ich sollte auch endlich aufhören mit diesen Spielchen. Ich bitte noch einmal höchstoffiziell um Entschuldigung.“
„Gut, Jungs! Wir machen hier mal einen Punkt“, beendete Gabi die Diskussion. „Und jetzt erzählt mir doch mal, weshalb ihr wirklich hier seid. Ihr seid doch nicht zufällig vor der Tür gestanden oder? Hat euch Marek geschickt?“
Stille – zum dritten Mal in Folge.
Die beiden Freunde sahen sich an. Dann sahen sie Gabi an und dann sahen sie Rudi an. So lange, bis sich Franz ein Herz fasste, seine Augen weit aufriss und in nahezu kindlichem Tonfall die alles entscheidende Frage stellte: „Wer bitte ist Marek?“
Marek – zehn Sekunden änderten sein Leben
Stanislav, Jan und Tomasz hatten ihr Boot mittlerweile wieder an Land gebracht. Schon den dritten Tag in Folge waren sie auf dem Eixendorfer Stausee umhergefahren, um am Ende einer weiteren Irrfahrt wieder einmal enttäuscht festzustellen, kein Stück weiter gekommen zu sein. Tomasz war müde. Sein Gesicht blass, die Hände rot. Erschöpft. Er hatte seinen Neoprenanzug schon ausgezogen, ihn auf den Boden zu seinen Füßlingen, den Handschuhen und der Kopfhaube gelegt. Auch seine Kollegen waren ziemlich mit den Nerven am Ende und gerade dabei, die letzten Sachen vom Boot zu holen, um sie in den Wagen des Chefs zu legen. Falsch. Sie warfen die Sachen demonstrativ hinein, um ihrem Frust Luft zu verschaffen.
„Wie geht es nun weiter, Marek? Der See ist zu groß und wir suchen die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen.“ Kurz und knapp fiel Stanislavs Lagebericht aus. Seine Einschätzung fasste er in einem Satz zusammen: „Das kann Tage, wenn nicht Wochen dauern, bis wir die Kisten finden.“
Marek stöhnte, erhob seine Stimme und sagte mit einem Hauch von Desillusion: „Jungs, ihr seid die Profis, lasst Euch was einfallen. Wir haben noch vier Tage. Bis dahin müssen wir den Schatz gehoben haben. Mich kostet das Ganze schon genug Zeit und vor allem Geld, und Jakub hatte außer dieser dummen Zeichnung auch keine weiteren Informationen. Ich wusste, ich hätte mich niemals darauf einlassen sollen.“
Seit sie die Aktion „Eixendorfer Stausee“ in Angriff genommen hatten, war das das erste Mal, dass Marek seinen drei Adjutanten gegenüber offen ein Gefühl von Verzweiflung zuließ. Früher war der Ex-Staatsbedienstete immer die große Nummer gewesen. Als Agent in den Diensten der polnischen Regierung, als einer der Besten im SB, hatte er viele Vergünstigungen: Kreditkarten ohne Limit, die teuersten Prostituierten, das beste Essen in den exquisitesten Läden und den feinsten Alkohol aus aller Welt; wann immer er wollte. Kann es wirklich etwas Schöneres für einen Mann in den besten Jahren geben?
Mareks „gutes Leben“ hatte aber auch seine Schattenseiten: die 24-Stunden-Schichten, das Immer-auf-Abruf-bereit-sein, das Niemals-wirklich-zu-Ruhe-kommen. Schon bald hatte er gemerkt, dass die in seinem Körper 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche auf Hochtouren laufenden Turbinen eines Tages zerbersten, ihn von innen heraus zerreißen würden. Die Nutten, die er sich Abend für Abend nahm, er bezahlte sie gut dafür, dass sie ihn schlugen, ihn bis aufs Blut malträtierten. Sein Credo war: Dem inneren Schmerz durch äußerlich zugefügte Qualen entgegenwirken. Doch irgendwann hatte es sich dann ausgepeitscht. Endgültig. Denn eines Morgens vor dem Badspiegel in einem der großen Hotels dieser Welt stehend sollte er ernüchtert feststellen, dass die ausgelaugte blasse Hülle vor seinen Augen doch nicht eines jener Wesen sein kann, die man für gewöhnlich als „Mensch“ bezeichnet.
Daran, was danach an diesem entscheidenden Tag in seinem Leben passiert war, erinnert sich Marek heute noch ganz genau. Nur er kennt die wahre Geschichte. Nur er. Offiziell wurde er wegen seiner herausragenden Dienste frühzeitig vom Dienst für den SB freigestellt. Offiziell mit einem ebenso herausragenden Monatssalär, damit er sozusagen als Dankeschön für seine Leistungen bis zu seinem Lebensende auf Kosten des Staates gut auskommen würde. Das ist auf jeden Fall die Version, die der Soziopath den wenigen Menschen auftischte, die er privat kennenlernen durfte. Zu einem echten Freund hatte es nie gereicht. Dem hätte er vielleicht die ganze Wahrheit erzählt. Die nämlich, dass ihn die polnische Regierung hochoffiziell mit einem mächtigen Arschtritt vor die Tür gesetzt hatte. Mareks Hochmut, seine überzogene Lebensweise, seine Eskapaden mit Frauen, seine Alkoholexzesse, sein ganz eigener widerlich-selbstsüchtiger Stil – sie hatten nie wirklich in das Weltbild der erzkonservativen Politik Polens gepasst, weshalb er von ganz oben, eben an jenem Tag, an dem er vor dem Spiegel gestanden und sich zum ersten Mal selbst bemitleidet hatte, innerhalb von nur zehn Sekunden telefonisch in die Wüste geschickt worden war. Cześć, Marek! Tschüss für immer.
Ganz oben hatte man einfach mal eben so den Stecker gezogen, den ‚großen Marek‘ im wahrsten Sinne des Wortes einfach ausgeschaltet. Turbinen auf null, Agent eliminiert! Unehrenhaft aus dem Dienst entlassen, würde ihm der Staat auch keinen einzigen Grosz mehr bezahlen, seine Pension gnadenlos für immer einfrieren. Über Monate hinweg lebte – oder sagen wir besser – überlebte er im Haus weitschichtiger Verwandter, suhlte sich in Selbstmitleid, ertrank schier in Alkohol und hätte es aus eigener Kraft niemals geschafft, dem Exil zu entfliehen, von vorne anzufangen und wieder fest auf zwei Beinen zu stehen.
In einer Bar eines der billigen Hotels in der Woiwodschaft Karpatenvorland, dem südöstlichsten Zipfel Polens nahe der Grenze zur Ukraine, wo Marek monatelang dahinsiechte, sollte er eines Tages Jakub kennenlernen. Der Nachtportier in der verruchten Absteige schenkte gerne mal ein wenig mehr aus als die Gäste bezahlten, füllte die Gläser nach, ohne die Getränke auf die Liste zu setzen, und hatte immer einen Plan, wie man mit wenig Aufwand nebenbei noch einige Zloty dazuverdienen konnte; auf die nicht so ganz legale Weise versteht sich. Marek gefiel das, denn jeden Tag Wodka bis zum Anschlag ging schließlich ins Geld und irgendwann sollte sein Erspartes dann auch mal aufgebraucht sein.
Das Karpatenvorland gehörte schon immer zu den ärmsten Regionen der Europäischen Union. Weit über zehn Prozent der in der vorwiegend landwirtschaftlich geprägten Gegend lebenden Menschen sind ohne Arbeit. Da liegt es nahe, dass man den vermeintlich erstrebenswerten westlichen Standard nicht wirklich auf rechtschaffene Weise erreichen kann. Und wie es der Zufall wollte: Marek und Jakub hatten sich nicht gesucht, aber gefunden. Der eine ein langjähriger Agent und trotz versoffenen Verstands noch immer mit ansatzweise gutem analytischem Verständnis, der andere ein gewitzter Kleinkrimineller mit den notwendigen Kontakten zur Unterwelt. Es hatte nur ein paar Flaschen Wodka lang gedauert, bis sie ihre Karten auf den Tisch geworfen und den ersten gemeinsamen Coup angesteuert hatten. Zum warm werden waren es anfänglich einfache elektronische Geräte, die sie in Deutschland raubten, durch Tschechien schmuggelten und in Polen gewinnbringend an den Mann brachten. Später kamen Autos dazu, Schmuck und schließlich auch Drogen. Das Geschäft blühte. Marek kam mit Hilfe der durchaus hohen Gewinne langsam wieder zu einigermaßen Reichtum und Jakub konnte sich seine Spielsucht finanzieren.
Eines Tages, das Verbrecher-Duo war gerade wieder mal dabei, ein erfolgreiches Husarenstück zu feiern, zog Jakub die Fotokopie einer seltsamen Zeichnung aus der Tasche.

Schon sehr lange hatte sie der Pole in seiner Brieftasche mit sich herumgetragen. An den Seiten war das mehrfach gefaltete Blatt ein wenig ausgefranst. Immer und immer wieder faltete er es auf und zu, versuchte, hinter das Geheimnis der scheinbaren Hieroglyphen zu kommen, scheiterte allerdings stets kläglich. Was er wusste war, dass es sich bei den Zeichen auf dem Fetzen um eine Schatzkarte handeln sollte. Soviel hatte er seinerzeit aus der Frau herausholen können, deren Geheimnis er nebenbei erfahren und in einem unbeobachteten Moment gestohlen hatte. Und diese Frau, es war die Gabi aus dem Gasthaus am Eixendorfer Stausee. Zufall oder Schicksal? Bevor Jakub nämlich auf den Geschmack gekommen war, mit illegalen Geschäften seinen teuren Lebensstil zu finanzieren, hatte er einige Jahre zuvor in Bayern als Oberkellner angeheuert. Gastarbeiter aus Polen waren eben – wie viele Jahrzehnte zuvor (Ex-)Jugoslawen und auch Italiener – gerne gesehen im Freistaat. Und nicht nur da. Man mag die Wahrheit nicht gerne hören, aber: Sie kosteten nicht viel und leisteten gute Dienste, was viele Unternehmer ausnutzten, um mit geringem finanziellem Einsatz doppelt und dreifach so viel zu erwirtschaften als mit deutschen Angestellten. Gastarbeiter lebten nicht, um zu mosern. Sie lebten, um zu arbeiten und Geld zu verdienen. Zumindest bis sie kapiert hatten, dass sie nur die kleinsten Rädchen in dem großen Spiel waren.
Jakub hatte seinerzeit als Gastarbeiter in einem Hotel in Regensburg angeheuert. Eben in dem Hotel, in dem auch Gabi ein Jahr lang beschäftigt war. Ab und an verbrachten sie ihre freie Zeit zusammen bei einem Tratsch in Cafés oder Bistros in der Domstadt, flanierten durch die grünen Parks und tauschten ihre Gedanken aus. Meistens dann, wenn Gabis Freund in der Arbeit gewesen war und sie nicht allein sein wollte. Der tolerierte das, hätte niemals einen Gedanken daran verschwendet, dass sie fremdgehen würde. Und Gabi sollte ihn auch niemals enttäuscht haben. Sie hatte ein wenig Mitleid mit dem jungen Gastarbeiter aus Polen und versuchte ihn, so gut wie möglich in das Leben in Bayern mit einzubinden. Hätte sie allerdings schon damals gewusst, in welch tückischer Art und Weise er sie eines Tages hintergehen sollte, sie würde ihm niemals eine so derartig aufgeschlossene Gesprächspartnerin gewesen sein wollen.
Denn eines Tages sollte sich das Blatt radikal wenden. In ihrer ungezwungenen Art hatte sie nämlich Jakub leider ihre wichtigste persönliche Geschichte erzählt. Dass ihre Urgroßmutter unter nebulösen Umständen nahe des heutigen Eixendorfer Stausees zu Tode gekommen war, dass sie als einziges Erinnerungsstück an die Frau, die sie nie kennenlernen durfte, einen Koffer mit einer auf die Innenwand gekritzelten Schatzkarte vererbt bekommen hatte, und dass sie seit Jahren versuchen würde, das Rätsel zu lösen. Jakub, so nett und freundlich er damals zu ihr gewesen sein mag, er witterte seinen ersten großen Coup. Schon lange hatte er es satt, für wenig Geld in Deutschland zu schuften. Von wegen „goldener Westen“. Wenn es um Geld geht, sagt man ja landläufig, ist meistens Schluss mit der Freundschaft.
Als dann beide irgendwann einmal gemeinsam in dem Hotel auf Schicht waren, hatte sich Jakub in Gabis Schlafraum geschlichen, das Zimmerchen nach dem Koffer durchsucht, ihn tatsächlich gefunden und in einem angrenzenden Kopierraum einen Abzug von dem mysteriösen Innenleben gemacht. Als Gabi nach ihrer Schicht schließlich bemerkt hatte, dass da jemand in ihrem Zimmer gewesen sein musste und der Koffer ihrer Urgroßmutter nicht mehr an der üblichen Stelle gestanden hatte, sollte sie Jakub zur Rede stellen. Der stritt alles ab, schrie sie an, nannte sie eine „głupia kurwa“, eine „dumme Hure“ und brach stehenden Fußes jeglichen Kontakt zu ihr ab. Tags darauf war er auch schon auf Nimmerwiedersehen aus der Domstadt verschwunden; mit einem Plan zurück nach Polen: Erst mal untertauchen und eines Tages zurückkehren, mit den richtigen Leuten den Schatz heben, und reich sein. Reich, endlich reich. Wie kleingeistig doch manche Menschen sind.
An jenem Abend also, an dem Marek und Jakub zusammensaßen, um wieder einmal einen erfolgreichen Deal zu feiern, zog Jakub die Schatzkarte aus seiner Tasche, und zeigte sie seinem Kumpel. Marek war noch nie ein Freund von solchen Rätselspielen gewesen. Nein, im Grunde genommen verabscheute er sie. Denn niemand würde voraussagen können, wieviel Wahrheit wirklich hinter Kritzeleien dieser Art steckt. Da investierst du Stunde um Stunde, um dich von einem möglichen Ansatz zum nächsten zu hangeln. Und am Ende stellst du fest, dass alles umsonst gewesen war, weil das Ergebnis doch nicht jenes ist, welches du dir zu Beginn vorgestellt hattest, dass es vielleicht sein könnte. Und trotzdem sollte er sich, von den Wodkadämpfen inspiriert, dazu hinreißen lassen, Jakub die Hand zu reichen, einzuschlagen und die Sache durchzuziehen.
Marek hatte noch immer Kontakte zu ehemaligen Kollegen des polnischen Geheimdienstes. Meistens genügte ein Anruf, um an alle gewünschten notwendigen Informationen heranzukommen. Obwohl der Sicherheitsdienst schon seit Jahren nicht mehr offiziell existierte, hatte so mancher Ex-Agent noch immer Zugang zu den Daten von einst. So viel zum Thema Integrität. Wie auch immer. Marek war das egal. Der Hass auf den ehemaligen SB war noch immer so groß wie er an dem Tag geworden war, als man ihn einfach so abserviert hatte. Zehn Sekunden. Er würde sie nie vergessen.
„Wir kriegen das hin.“ Stanislav hatte den Satz schon zum zweiten Mal formuliert, aber Marek reagierte nicht. Ein drittes Mal setzte er etwas lauter an: „Hey, Marek, ist mit dir alles in Ordnung?“
„Was?“ Endlich reagierte der Chef. Ein „Entschuldigung“ entwich ihm. „Ich war gerade völlig in Gedanken. Wir müssen das mit dem Schatz noch einmal überdenken. Es kann doch nicht so schwierig sein, die Kisten zu finden.“
„Entschuldigung?“ Stanislav runzelte die Stirn und kam ins Grübeln: „Hatte er gerade tatsächlich um Verzeihung gebeten? Was ist denn mit dem los?“
„Verdammt nochmal. Habt ihr die Karten denn genau studiert und verglichen?“ Schon wurde Mareks Ton wieder kälter. Denn anscheinend hatte er nach einem gedanklichen Ausflug in die Vergangenheit nun wieder zurückgefunden in das Jetzt und seine Anführer-Rolle. „Es gibt nur diese drei möglichen Orte für den Schatz. Mehr wurden mir nicht kommuniziert.“
„Marek“, antwortete Jan, „wir waren vorgestern, gestern und heute auf dem See. Jeden Tag an einer anderen Stelle. Und jeden Tag hat Tomasz in einem Radius von 50 Metern jedes Blatt unter Wasser umgedreht. Da ist kein Schatz. Nicht mal irgendetwas, was im Ansatz so aussehen hätte können.“
„Verdammt, dann müsst ihr eben noch einmal suchen. Erweitert den Radius und gebt euch mehr Mühe. Ich will diesen Schatz mit nach Polen nehmen!“
Nahezu synchron sanken die Köpfe von Mareks Gehilfen als wollten sie im Boden versinken. Der Ex-Agent war beileibe kein Motivations-Experte. Eigentlich hätten die drei zwischendurch mal eine kleine Aufmunterung gebraucht. Vor allem Tomasz hatte sich angestrengt, mehr als verausgabt. Und eine aufwändige Suchaktion wie diese ist fürwahr kein Kinderspiel.
Marek hatte sehr wohl bemerkt, dass seine Gehilfen sowohl nervlich als auch körperlich am Ende waren. Aber anstatt seine Hand auszustrecken und Mut zuzusprechen setzte er in seiner Wut und Hilflosigkeit noch eines drauf: „Vier Tage noch“, schrie er. „Und wenn ihr es in vier Tagen nicht geschafft habt, die Kisten zu heben, bin ich mit euch fertig. Endgültig! Mit dir auch Stàz, vor allem mit dir!“
Das Vermächtnis der Urgroßmutter
Franz stand noch immer mit weit aufgerissenen Augen und fragenden Blickes zusammen mit seinem Freund Andreas, mit Rudi Müller und der blonden Gabi im Zimmer Nummer 9 des Hotels am Eixendorfer Stausee.
„Ich weiß wirklich nicht, wer Marek ist, Gabi. Meinst du vielleicht einen der vier Polen, die bei euch übernachten?“
Affektiert nach Luft ringend runzelte die Frau ihre zuckere Stirn, drehte ihre sonst liebreizenden Augen aufeinander zu und konterte pikiert mit einem bedrohlichen Blick: „Mal im Ernst jetzt. Tut doch nicht so. Marek hat euch geschickt, damit ich euch alles erzähle. Euer scheinheiliges Gehabe gestern. Ihr wolltet mich doch nur aushorchen. Genau deshalb seid ihr heute hier aufgetaucht und habt vor der Tür gelauscht.“ Gabi hatte schon zu viel erlebt, um jedem charmant zwinkernden Kerl gleich im erstbesten Moment ihr Herz auszuschütten.
„Was ist denn auf einmal los mit dir? Ehrlich“, stotterte Andreas, „wir kennen keinen Marek.“ Noch sichtlich geschockt von Gabis verbaler Einhundertachtzig-Grad-Wendung fügte er dennoch ansatzweise schmunzelnd hinzu: „Also zumindest nicht persönlich.“
„Andreas, du nimmst mich nicht für voll oder? Die Sache ist wirklich ernst!“
„Entschuldige bitte, aber wir sind wirklich keine Polen-Spitzel. Wir sind da eher unschuldig in die Sache hineingeraten.“
„Also jetzt mal ganz ruhig alle miteinander. Andi, ich denke, wir sollten einfach ganz vorne beginnen und die Sache aufklären.“ Franz hatte seinen Freund noch nie leiden sehen können. Und gerade jetzt war einer dieser Momente, in denen er einschreiten, ihm ein wahrer Partner im Geiste sein müsste. „Können wir uns vielleicht irgendwo hinsetzen, um euch zu erzählen, was bisher so alles passiert ist?“
Gabi beruhigte sich nur langsam, gab aber dennoch ihr „O.K.“ und führte die beiden Freunde zusammen mit dem Regensburger Journalisten zurück in den Nebenraum des Hotelzimmers. Durstig öffnete Franz zuallererst eine der kleinen auf dem Tisch stehenden Konferenz-Wasserflaschen, nahm sich ein Glas, schenkte ein, trank es auf einen Schluck leer, stellte es leise wieder ab, goss nach und begann mit ruhiger Stimme zu erzählen. Er berichtete von dem polnischen Fahrzeug, das sie durchsucht hatten, von der am Ende fast folgenschwer ausgegangenen peinlichen Situation auf dem Balkon, von der Flucht vor den vier Männern aus Polen und davon, dass sie schon öfter derartige Geschichten gemeinsam durchlebt und komplizierte Fälle aufgeklärt hätten. Von der Münze im See allerdings erzählte er nichts. Denn während seines trockenen Berichts schaute er seinem Freund immer wieder in die Augen und war sich sicher auf dessen blitzenden Pupillen ablesen zu können, dass es besser wäre, nicht gleich alle Karten auf den Tisch zu legen, zumal sie ja nicht mit der Frau alleine waren, sondern auch noch ein neugieriges Etwas aus Regensburg mit am Tisch saß.
„Also ist es wahr.“ Rudi Müller, der die ganze Zeit über still und bedächtig am Tisch gelauscht und keinen Ton von sich gegeben hatte, entfuhr ein Hauch verbaler Glückseligkeit. „Gabi, das stimmt also wirklich mit dem Schatz. Wow, was für eine tolle Story! Ich hole am besten gleich mal meinen MP3-Rekorder aus der Tasche und …“
„Halt Rudi“, bremste Gabi, „wir sind hier nicht wegen einer tollen Story. Auch nicht, damit du hier etwas Pressemäßiges lostreten kannst.“
„Nicht?“ Der Regensburger schien baff. Schon zum zweiten Mal an diesem Tag. Solch Töne war er von seiner Bekannten einfach nicht gewohnt, aber die räudige Nummer eben zuvor sollte die Beziehung schlechterdings verändert haben.
„Nein, Rudi, sind wir nicht. Franz und Andreas sind wohl deshalb hier, weil sie ihrer Neugier keinen Einhalt gebieten konnten. Und du bist hier, weil ich weiß, dass du als Journalist gute Kontakte zu ganz vielen Leuten pflegst. Ich hoffe es zumindest und bitte dich und die beiden Jungs hier, sofern sie möchten, mir bei der Suche nach dem Schatz meiner ermordeten Urgroßeltern behilflich zu sein.“
Urplötzlich fiel es Andreas wie Schuppen von den Augen: „Deine Urgroßmutter ist das jüdische Mädchen, das in den 30er Jahren am Eixendorfer Stausee getötet worden war? Nicht wirklich, oder? Das wäre jetzt aber ein sehr großer Zufall.“
„Doch, Andreas, du kennst die Geschichte also auch.“
„Ja sicher“, erklärte er, „von einer Bekannten. Sie hatte sie mir heute erzählt. Das gibt’s doch nicht, du bist also wirklich die Urenkelin dieser armen Jüdin?“
Rudi Müllers journalistische Ader pochte trotz Warnung. Urinstinkt: „Und was hat sie dir alles erzählt?“
„Das soll dir Gabi besser selbst mitteilen.“ Andreas war unwohl bei dem Gedanken, Details auszuplaudern, die letztendlich vielleicht gar nicht korrekt waren und wünschte sich insgeheim, dass Gabi den Ball auffangen und die offizielle Version erzählen würde. Dann könnte sie ihm jedenfalls nicht böse sein.
„Nein, mach nur Andreas, erzähl‘ es uns einfach. Falls etwas nicht stimmt, kann ich dich ja korrigieren.“
Ein wenig nervös begann er also, das einst Geschehene so darzustellen, wie es überliefert worden war, verkürzte jedoch zur Verwunderung seines Freundes die epische Variante vom Vormittag auf ein Minimum. Wohl deshalb, weil ihm der Journalist noch immer nicht geheuer erschien und er sich auch bewusst war, dass zu viele Details zu verraten wohl eher gefährlich sein könnte. Gabi hatte auch kaum etwas zu korrigieren. Ein paar unwichtige Kleinigkeiten vielleicht, die nichts am Kern der Geschichte verändert hätten.
„Aber eines musst du Franz und mir bitte erklären, Gabi.“ Andreas signalisierte, bewusst eine Person im Raum ausschließend, offensichtlich seine Abneigung gegenüber Rudi und stellte die wichtigste aller Fragen, die sich in der langen Zeit noch nie jemand gestellt haben hätte müssen: „Wo war deine Großmutter, als deren Eltern getötet worden sind? Von einem Kind war nie die Rede.“
„Das ist eines meiner Geheimnisse“, antwortete Gabi. „Nur wenige Menschen kennen es. Aber nun ist es an der Zeit, dass ich es lüfte. Ich vertraue euch, bitte euch aber nur um eines…“
„… dass wir Stillschweigen bewahren“, schloss Rudi an und steckte seinen Rekorder murrend zurück in seinen Hosentasche.
„Danke, genau darum geht es mir“, nahm Gabi wohlwollend Rudis Worte zur Kenntnis. „Was auch immer da unten im See liegen mag, für mich hat das maximal ideellen Wert. Mir ist viel wichtiger, dass sich endlich eine Lücke in meinem Leben schließt, die mich nie hat zur Ruhe kommen lassen.“
„Hand drauf“, rief Franz unverhohlen und streckte seinen Arm in die Mitte des Tisches. Reihum legten alle anderen ihre Hände auf seine, quittierten die Abmachung ebenso mit dessen Parole, und Gabi war nun endlich bereit, ihre Geschichte in allen Einzelheiten zu schildern. Die wahre Geschichte, also die, die bis zu jenem Tag nur einem kleinen Personenkreis vorenthalten geblieben war.
„Meine Urgroßmutter trug den wundervollen Namen Rebekka“, begann sie. „Schon in jungen Jahren hatte sie ihren Curt, also meinen Uropa, kennengelernt. Wie meine Mutter mir immer wieder gerne erzählt, soll es die große Liebe auf den ersten Blick gewesen sein. Beide waren sie auf einer privaten Lehranstalt, zu der nur Kinder reicher Eltern Zugang hatten. Meine Uroma soll übrigens eine der letzten jüdischen Schülerinnen dort gewesen sein. Denn als sich kurz vor 1933 die Konflikte bereits zuspitzten und der Hass auf Menschen jüdischen Glaubens immer stärker wurde, war für den Zugang zu höheren Schulen und Hochschulen auf einmal nicht mehr Intelligenz, sondern ausschließlich die Rassezugehörigkeit maßgeblich. So wollte es die Politik. Mein Uropa hatte gerade seinen Abschluss gemacht und als Angestellter bei der Stadt Regensburg angefangen, da sollte seine große Liebe plötzlich vor dem Nichts stehen. Rebekka wurde von der Schule verbannt, nach Hause geschickt. Weil sie eben Jüdin war. Niemand wusste, dass sie bereits ein Kind unter ihrem Herzen trug: Meine Großmutter.“
„Rebekka war also schwanger?“ Franz riss vor Erstaunen Mund und Augen auf.
„Ja, von ihrem geliebten Curt. Sie war noch sehr jung, als es passierte. Man mag sich heute keine Meinung darüber bilden, ob es sinnvoll war, nicht mehr zur Schule zu gehen und die Öffentlichkeit zu meiden. Heute können wir uns nicht mehr vorstellen, wie schlimm das für eine junge ledige und vor allem jüdische Frau in jener noch dazu von Hass und Verfolgung geprägten Zeit gewesen sein muss, ein Kind eines Mannes auszutragen, dessen Familie auf ihren arischen Stammbaum stolz war und diesen Stolz auch bewusst nach außen hin verkörperte.“
„Unvorstellbar, was für ein Fiasko.“ Andreas war entsetzt. Er musste schlucken. „Aber“, fand er langsam wieder Worte, „das fällt doch auf. Also ich meine, das fällt auf, wenn eine Frau schwanger ist. Zumindest nach einer gewissen Zeit.“
„Gewiss. Rebekkas Mutter war das schon vorher aufgefallen, also bevor der Bauch dick geworden war. Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter verschlimmerte sich Tag für Tag. Irgendwann hatte es Rebekka dann nicht mehr ausgehalten und ist davongelaufen. Curt, mein Uropa, hatte seinen Eltern derweil alles gebeichtet. Sein Vater war zwar von der Sache nicht wirklich angetan, eine Jüdin in seinem Haus aufzunehmen, akzeptierte aber schließlich den überraschenden Wunsch seiner Frau, Rebekka ein Stück weit Heimat und Geborgenheit zu bieten. Immerhin trug sie das Kind ihres Sohnes aus. Was aber niemand zu glauben wagte: Curts Mutter hatte einen diabolischen Plan. Wäre das Kind einmal geboren, würde sie es als ihres ausgeben und Rebekka vor die Tür setzen.“
Totenstille im Hotelzimmer. Nur Andreas murmelte leise: „Und so ist es dann wohl auch passiert, oder?“
„Ja. Einige Wochen vor der Geburt hatte Curts Mutter wohl mit ihrem Mann in einer ruhigen Minute über ihr Vorhaben gesprochen und Curt, der gerade in einem Nebenzimmer studierte, hatte die Unterhaltung mitbekommen. Niemand weiß, was in dem jungen Mann vorgegangen war. Ich vermute allerdings, dass er damals schon an Flucht gedacht hatte.“
Der sensible Franz drückte sich eine Träne weg: „Was waren das bloß für grausame Menschen“, stammelte er verbittert. „Und das Kind haben sie tatsächlich dagelassen?“
„Der Plan von Curts Mutter ging auf. Rebekka brachte meine Großmutter zur Welt und die für sie bis dato vermeintlich heile familiäre Umgebung verwandelte sich von einem Tag auf den anderen in ein tiefes dunkles Meer aus Feindseligkeit und Hass. Curts schlimmste Albträume waren Realität geworden. Die kleine, zierliche und durch die anstrengende Hausgeburt tagelang körperschwache Rebekka hatte keine Kraft mehr und akzeptierte stumm alle Forderungen ihrer intriganten Schwiegermutter. Zumal …“
„… zumal ihr die Hexe wohl auch gedroht hatte, sie an die Behörden zu verpfeifen, weil sie eine geflohene Jüdin war, oder?“
„Da liegst du leider richtig, Rudi. Die jüdischen Mitbürger waren damals schon auf der schwarzen Liste. Für die reiche Frau arischen Blutes wäre es ein Leichtes gewesen, Rebekka loszuwerden. Aber sie tat es nicht, behielt sich das Druckmittel, um die ‚kleine Jüdin‘ an der kurzen Leine zu halten. Irgendwann hatten es meine Urgroßeltern dann nicht mehr ausgehalten. Bis in die letzte Windung ihrer Seelen leidend ließen sie meine Großmutter im Haus der reichen arischen Familie zurück und beschlossen, weitab des ihnen fremd gewordenen abartigen Milieus ein neues Leben zu beginnen.“
„Mann ist das bitter. Mir fehlen echt die Worte“, drückte Andreas sein Mitleid aus. „Wie muss sich eine junge Frau wohl fühlen, die von ihrer Familie nicht mehr geliebt, wegen ihrer Herkunft gehasst wird und dann auch noch ihr Kind einer Sippschaft überlassen muss, die als verabscheuenswürdige Herrenrasse die ganze Welt diktieren wollte… ähm, Entschuldigung.“
„Nein, nein, Andreas“, beruhigte Gabi, „du musst dich nicht entschuldigen.
„Auf keinen Fall“, unterstrichen auch Rudi und Franz nahezu gleichzeitig und Franz fügte an: „Heute ist es doch nicht viel besser. Überall gibt es Menschen, die meinen, von Geburt aus ein Stück weit höher auf der Leiter zu stehen als andere. Nur war es zu Zeiten des Nationalsozialismus‘ tausend Mal schlimmer.“
„Lass mal die Politik dahingestellt“, warf Andreas ein.
„Danke Andreas, aber Franz hat nicht Unrecht“, sagte Gabi und gab zu bedenken: „Die Menschen lernen leider nie aus und das ist das, was mich immer wieder traurig macht. Immer wird es welche geben, die meinen, besser oder wichtiger als andere zu sein. Wie auch immer. Das ist nun mal so. Na ja, und den Rest der Geschichte kennt ihr ja. Der Diebstahl, die Flucht, der Mord. Bis auf ein paar Kleinigkeiten hat sich die Wahrheit über Jahre hin gut gehalten.“
„Und was ist nun mit dem Schatz?“ Ungeduldig rückte Rudi seinen Stuhl zurecht. Er mochte Erzählungen dieser Art gar nicht, weshalb er die Diskussion zurück auf den ursprünglichen Grund des Treffens brachte.
Gabi antwortete zuerst nicht, erhob sich derweil von ihrem Stuhl und öffnete den Zimmersafe, der versteckt unterhalb des kleinen Schreibtisches in der Ecke eingebaut war. Die Kombination eingegeben klackte er und öffnete sich automatisch.
„Da ist er der Schatz“, sagte sie und zog einen kleinen Koffer heraus. Gerade mal vielleicht dreißig auf zwanzig Zentimeter.
„Wie, Schatz?“ Rudi brummte. „Das ist kein Schatz. Das ist ein alter stinkender Koffer.“
„Und ich dachte immer, ihr Journalisten hättet ein wenig mehr Phantasie“, schimpfte Franz.
Gabi legte das gute alte Stück auf den Tisch. Es war ein abgenutzter, einst wohl rotbrauner Koffer aus Hartpappe, so wie man ihn vor über 100 Jahren noch kaufen hatte können. Das Teil roch absonderlich; irgendwie nach Mottenkugeln. Die Kanten abgerieben. An der Unterseite kleine aber auch größere Kratzer. An manchen der lädierten Stellen quoll Papier hervor. Metallgriff und Verschlüsse waren schon leicht verrostet.
„Ich zeige euch nun den Schatz“, kündigte Gabi an, ließ die Verschlüsse klacken und öffnete den Koffer. Der knarzte. Auf der Innenseite des Deckels war ein Seidentuch angebracht, das wohl als Reservoir für besonders filigrane Utensilien gedacht war. Mit acht bronzenen Druckknöpfen war es befestigt. Langsam löste Gabi Knopf um Knopf. Als sich das Seidentuch nach dem dritten Klicken langsam nach unten absenkte, kamen komische Dinge zum Vorschein, die man auf den ersten Blick als Kritzeleien eines Kindes hätte abtun können. Erst als sie das Tuch vollständig entfernt hatte, offenbarte sich den drei Männern des Koffers Geheimnis.
„Boa, eine Schatzkarte, ich glaub es nicht.“ Franz fiel fast die Brille von der Nase und er musste sie erst einmal zurechtrücken, um zu erkennen, was da eingraviert war. „Andi, schau!“
„Ich sehe es, Franz. Erich von Däniken würde jetzt sagen, dass die uralten Hieroglyphen aus der vor-ägyptischen sind“, lachte er. „Aber da es sich, wenn ich richtig liege, Gabi, wohl um den Koffer deiner …“
„Richtig, um den Koffer meiner Urgroßmutter“, schob sie ein.
„… also um Rebekkas Koffer handeln muss, würde ich mal kombinieren, dass sie es war, die diese Zeichnung hinterlassen hat, um …“
„Genau, um eben die Stelle zu markieren, an der die Geldkiste versteckt worden sein soll.“
„Tja, das ist doch ganz einfach“, setzte Rudi an, um mit geschwollener Brust als erster seinen ganz eigenen Lösungsansatz zu präsentieren: „Da stehen drei Bäume, und dann noch einer und dann ist da irgendwo ein Fluss und dann ist da auch schon der Schatz.“
Franz bekam einen Lachanfall. „Mei bist du deppert. I sogs ja, die Rengschburger. Du warst wohl auch auf so einer Schule, auf der man nach der ersten Klasse gerade mal seinen Vornamen vortanzen konnte, oder?“
„Beruhig dich mal, Franz“, ging Andreas dazwischen. „Nicht jeder, der einen schwarzen Porsche fährt und in Regensburg wohnt muss zugleich intellektuelle Züge aufweisen. Das solltest du doch mittlerweile verstanden haben.“
„Hast ja Recht, mir fällt grad ja auch nichts Besseres ein. Lasst mich nochmal schauen.“ Franz rückte sich den Koffer zurecht, stellte ihn sich vor die Nase, so dass er senkrecht drauf schauen konnte und ließ seine Augen über die Zeichnung wandern; von links nach rechts und wieder zurück. Mehrmals wiederholte er seine Analyse und hatte schließlich eine Idee.
„Andi?“
„Ja?“
„Du Andi?“
„Ja, Franz?“ Immer dasselbe.
„Du Andi … das rechts da … das ist doch eine Bahnlinie, oder?“
„Hm“, Andreas betrachtete die Zeichen ein weiteres Mal von der Seite und bestätigte: „Ja, das könnte sein.“
„Also, wenn das eine Bahnlinie ist, und der Schatz tatsächlich im See liegen soll, dann kann das nur die sein, die mal da war, wo wir immer spazieren gehen und die es nicht mehr gibt.“
„Da magst du Recht haben. Meines Wissens gab es nur die.“
„Die Zeichen in der zweiten Zeile“, kombinierte Franz und deutete darauf, „sollen wohl einen Mischwald darstellen.“
„Na ja, aber Mischwald gibt’s ja viel.“
„Die Welle, liebe Leute, soll dann wohl ein Gewässer sein. Das einzige, an das ich jetzt im Moment denken würde, wäre die Schwarzach, die nicht mehr da ist. Der Fluss, der nach der Flutung des Tals, im neu erschaffenen Eixendorfer Stausee verschwunden ist. Erinnert ihr euch?“
„Das da ganz links … ist das ein Baum? Ein Baum mit einem Kreuz? Komisch“, sinnierte der dicke Detektiv, nahm seine Brille ab und biss nervös auf deren bereits mehrmals durchgekauten Enden herum. „Das Kreuz symbolisiert wohl schon die Stelle, an der der Schatz liegen könnte. Aber wer versteckt schon einen Schatz in einem Baum?“
„Das Pi, ist das eine Bank? Und was soll das Dreieck mit den Ohren darstellen?“
„Wart mal, Franz, ich habe mir doch gestern, als du auf der Toilette gewesen bist, ein paar Prospekte eingeschoben. Vielleicht steht da irgendwas drin, was uns weiterhelfen könnte. Wir wissen doch, dass es damals viele kleine Ortschaften gab in dem Tal, die bei vielen schon in Vergessenheit geraten sind.“
„Jetzt wird’s spannend“, meldete sich nun auch Rudi wieder zu Wort. „Ihr seid gut, Jungs, wirklich gut“, lobte er scheinheilig.
Andreas schmunzelte innerlich ob der Worte des Regensburger Schmalspurcasanovas, zog die Zettel aus seiner Tasche und durchforstete sie nach möglichen Hinweisen. Es dauerte ein klein wenig, bis er sie alle überflogen hatte und kommentierte schließlich mit: „Kreizdeifi, da steht nur Schmarrn drin.“ (Deutsch: Verdammt nochmal, die Werbeprospekte wurden wohl von einer Agentur aus Norddeutschland gemacht.)
„Warte mal Andi, ich werfe mal mein Smartphone an.“ Franz sagte es und war auch schon dabei, nach der Geschichte des Sees zu recherchieren. Die Funkverbindung war gut, weshalb er schon nach wenigen Sekunden laut aufschrie: „He, ich hab’s! Da gibt es einen Zeitungsartikel online. Ich lese ihn euch mal vor: Der mehr als 110 Hektar große Eixendorfer Stausee ist schmal und schlängelt sich … nein. Die Schwarzach wurde in den 70er Jahren unter anderem zur Stromerzeugung … nein. Als der See 1975 geflutet wurde versanken … das könnte es sein … Höllmühle, Obermühle, Seebarnhammer, eine Teilstrecke der früheren Bahnlinie Bodenwöhr-Rötz und der größte Teil von Eixendorf.“
Gabi hatte aufmerksam zugehört. Spontan kam ihr eine Idee. Sie bat Franz deshalb, noch einmal die Passage mit den Namen vorzulesen. „Höllmühle, Obermühle, Seebarnhammer und Eixendorf“, wiederholte er.
„Höllmühle“, murmelte Rudi. „Hölle. Teufel. Zeigt mir mal die Zeichnung, bitte.“ Missmutig drehte Franz den Koffer in Richtung seines neuen Erzfeinds. Der starrte einige Augenblicke, die Mundwinkel in horizontaler Pausen-Stellung geparkt, in den Koffer, bis er schließlich zu grienen begann und mit seiner Vermutung rausrückte. „Also ich kenne mich ja in der Gegend nun wirklich nicht aus, aber ich stelle mir vor, wenn jemand hier her kommt und in aller Kürze der Zeit mit einfacher Symbolik im wahrsten Sinne des Wortes beschreiben soll, wo er sich befindet, und das auch so, dass andere nicht gleich auf den ersten Blick nachvollziehen können, wo das genau sein könnte, dann würde ich …“
„Mann, komm auf den Punkt Rudi“, hetzte Franz, „wir haben doch keine Zeit!“
„Na ja, dann würde ich den Ort Höllmühle genauso zeichnen, wie ich ihn hier erkenne.“
„Höllmühle?“ Franz war überrascht. „Wo bitte erkennst du auf der Zeichnung den Ort Höllmühle?“
„Na, kommt doch mal rüber. Hier, da ist es doch.“ Ärgerlich, nicht selbst drauf gekommen zu sein, erhob sich Franz als letzter und stellte sich zu den anderen beiden, die Rudi Müller bereits über die Schulter schauten. „Das Dreieck mit den Hörnern. Hölle. Klingelt’s? In der Hölle gibt es den Teufel und der hat Hörner. Und das Dreieck könnte doch eine Mühle symbolisieren. Oder nicht?“
„Mit der Höllmühle könntest du durchaus Recht haben. Da hatte doch die Polizei damals auch den Mercedes gefunden, nicht wahr? Habe ich dich doch unterschätzt.“
„Also nochmal von vorne“, fasste Andreas zusammen. „Unseren Überlegungen nach zufolge muss sich der Schatz wohl in der Nähe der ehemaligen Bahnstrecke befinden, gleich in der Nähe der untergegangenen Höllmühle und irgendwo in der Nähe der einstigen Schwarzach. Wohl nicht in einem Baum, sondern vielleicht …“ Andreas schaute sich das Bild noch einmal „… unter irgendwelchen Steinen? In einer Höhle? Zu dumm, dass wir das im Moment nur theoretisch nachvollziehen können. Anfang der 70er Jahre hätten wir den Schatz problemlos heben können. Aber jetzt ist alles überflutet. Ich gehe mal nicht davon aus, dass einer von uns vieren Taucherfahren hat?“
„Ich auf jeden Fall nicht“, antwortete Rudi. „Aber bevor wir uns jemanden suchen, der das kann, würde ich gerne noch etwas wissen, Gabi.“
„Bitte, frag!“
„Wie können wir denn überhaupt ausschließen, dass das nicht der Koffer deiner Urgroßmutter ist? Ich meine, ich glaub‘ dir das, aber woher wissen wir das mit hundertprozentiger Sicherheit?“
Franz zuckte: „Da schau her, a Gscheidhaferl.“
„Deckel drauf“, lachte Andreas.
„Rudi hat schon Recht, Leute. Ich erzähle euch einfach noch den Rest der Geschichte, dann sollten alle Zweifel ausgeräumt sein.“
„Stimmt“, schob Andreas ein. „bisher haben wir noch nicht geklärt, wie der Koffer in deinen Besitz gekommen ist.“
„Genau. Also es war so: Curts Vater durfte seinen Mercedes nach Ende der Untersuchungen wieder abholen. Ebenso das Hab und Gut, das hinten drin verstaut gewesen war. Die Ermittler hatten seinerzeit anscheinend nicht gründlich genug gesucht und die Karte übersehen. Übersehen hatten die Behörden übrigens auch, dass Anna, meine Großmutter, gar nicht das leibliche Kind der reichen arischen Familie war. Ihre, sagen wir, Stiefmutter hatte alles bis ins Detail geplant und niemandem war jemals aufgefallen, dass das Kind, das sie großzog, gar nicht ihr leibliches Kind gewesen ist. Den Krieg überlebt, sollte die bis dahin hasserfüllte Frau kurz darauf im Sterben liegen. In den letzten Stunden ihres Lebens besann sie sich dann doch ihrer Schuld und beichtete meiner Großmutter all die Schandtaten, die sie ihr Leben lang begangen hatte. Nach Vergebung flehend erzählte sie ihr alle Details, übergab ihr zur Erinnerung an ihre wahren Eltern deren Koffer, die sie die ganze Zeit hinweg im Keller versteckt hatte, und schloss kurz darauf ihre Augen für immer. Meine Großmutter hatte ihr zugehört, sich für ihre, wenn doch erst spät aber dennoch anscheinend entschlossene Aufrichtigkeit bedankt, ihr allerdings nie verziehen. Sie blieb bei ihrem Stiefvater bis sie eines Tages meinen Opa kennenlernte, ihn heiratete und den Ort des Grauens für immer verlassen konnte. Curts Vater starb kurze Zeit darauf. Verarmt. Seine Firma war im Krieg den Bach runter gegangen. Er liegt irgendwo anonym vergraben. Wo, weiß ich nicht. Ich will es auch nicht wissen. Und damit wir, also damit meine ich uns Nachfahren von Curt und Rebekka, niemals vergessen, wie es damals war, werden die Koffer immer an die Erstgeborene weitergegeben, mithin immer Teil unseres Lebens sein.“
Den letzten Teil ihrer Familiengeschichte zu erzählen war Gabi sichtlich schwer gefallen. Mehrmals kam sie leicht ins Stocken, musste sich Tränen aus den Augen wischen, und es dauerte eine geraume Zeit, bis sie sich wieder vollends gefasst hatte. Auch Franz und Andreas fiel es nicht leicht, Fassung zu bewahren. Wie es sich geziemt, übten sie sich nach dem letzten Satz der Frau für einen Moment in Stille. Nur Rudi verzog die ganze Zeit irritiert sein Gesicht.
Leise öffnete Franz die letzte Wasserflasche, schenkte sich und Gabi ein und sagte freundschaftlich: „Trink erst mal was.“ Gabi nippte erst an dem Glas, dann trank sie es ganz aus.
„Das ist ja harter Tobak“, sagte Andreas, stand auf, ging zu Gabi und drückte sie ganz fest. „Wir werden alles tun, um Rebekkas letztes Rätsel zu lösen. Nicht wahr Franz? Rudi? Abgemacht, oder?“
Die beiden anderen Männer nickten. „Versprochen, Gabi. Das bleibt auch alles unter uns“, sicherte Rudi zu. „Jetzt verstehe ich dich. Du, deine Mutter, deine Oma, allen voran deine Urgroßmutter, ihr seid verdammt starke Frauen. Chapeau!“
„So“, stoppte Andreas abrupt, „und jetzt hören wir mal alle wieder auf rum zu heulen, denn am Anfang steht immer ein Plan und nicht das feuchte Taschentuch.“
„Korrekt“, stimmte ihm Franz zu. „Hast du einen?“
„Noch nicht“, schmunzelte Andreas, „den machen wir jetzt.“
„Gut“, nickte Franz, „Plan A ist, dass ich jetzt erst einmal unbedingt eine Zigarette brauche und ein kühles Weißbier, du nicht auch? Über Plan B können wir dann in etwa 15 Minuten reden, wenn ich wieder meinen normalen Level erreicht habe.“
Gabi lachte. „Ihr zwei seid mir schon ein besonderes Duo. Dann lasst uns mal auf die Terrasse gehen. Wie ich sehe haben wir ja noch immer ein wenig Sonne. Es wäre eine Beleidigung, hier drin sitzen zu bleiben. Rudi? Kommst du auch mit?“
„Sicher. Ich hätte dann gerne nochmal …“
„… einen Long Island Ice Tea“, stöhnte Andreas.
„Ja, und? Hast du ein Problem damit?“
„Nein, nein“, winkte Andreas ab. „alles in Ordnung.“
Nachdem die drei Männer weg waren, räumte Gabi das Zimmer noch auf, öffnete das Fenster, um zu lüften, stellte die leeren Flaschen und gebrauchten Gläser auf ein Tablett, nahm den Koffer ihrer Großmutter mit und verließ vollbepackt das Zimmer Nummer 9. Sie war glücklich, denn sie glaubte fest daran, dass sie mit den drei Jungs endlich das Rätsel ihres Lebens lösen würde.
Die Begegnung mit der Konkurrenz
Auf der Terrasse des Gasthauses war noch immer jede Menge los. Andreas suchte sich einen der freien Tische aus; wie immer etwas abseits mit bestem Blick mitten ins Geschehen. Kurze Zeit später kam auch schon Gabi mit zwei Weißbier und einem Cocktail für Rudi. Franz‘ Plan A war mithin auf jeden Fall schon aufgegangen. Genüsslich schmauchte er seine Zigarette und sagte zufrieden: „Leute, so macht das Leben Spaß.“ Auch Rudi konnte sich endlich eine anstecken und zog so fest daran, als wäre es seine letzte.
„Ihr alten Süchtlinge“, lachte Andreas. „Bin ich froh, dass mir dieses Laster fremd ist.“ Was für eine Steilvorlage für Franz: „Na ja, dafür hast du einen Cocktail-Tick. Wieviel unterschiedliche Sorten hast du am Freitag unbedingt probieren müssen?“ Grummelnd musste Andreas zugeben, dass es mehr als eine war.
„So Jungs, wie machen wir jetzt weiter“, stoppte Gabi die beiden, stellte das Tablett auf den Tisch und setzte sich zu ihrem Schatzsucher-Team. Just in diesem Moment betraten Stanislav, Jan und Tomasz die Bühne. Andreas hatte sie zuerst im Visier. „Die Konkurrenz“, murmelte er mit zusammengepressten Zähnen, schaute Franz dabei mit verdrehten Augen an.
Rudi Müller, just in jenem Moment unter massivem illegalen Drogeneinfluss stehend, posaunte lauthals mit ungedämpfter Stimme leicht lallend in die Menge: „Von wem sprecht ihr?“
„Von der Konkurrenz, kreizdeifi“, wiederholte Andreas seine Warnung für den Regensburger mit etwas mehr Vehemenz.
Reflexartig schob der Journalist seine Schultern nach oben und zog gleichzeitig seinen Kopf an. So wie eine Schildkröte, die Gefahr wittert. „Ach so“, antwortete er leise, „verstehe, das ist also die Konkurrenz. Und was machen wir nun? Soll ich euch das übersetzen, was die sagen oder sprecht ihre deren Sprache?“
„Was?“ Franz war verblüfft. „Du sprichst Polnisch?“
„Nun ja“, hielt sich Rudi bescheiden zurück, „ich würde sagen, ich verstehe es. Als Dolmetscher geschweige denn als Übersetzer würde ich aber nicht durchgehen.“ Ehrlich gesagt: Im Grunde war der Regensburger Unsympath ein wahrer Wortakrobat. Sprachen waren stets sein Hobby gewesen und mittlerweile sollten es zehn unterschiedliche Wörterbücher sein, die er so nebenbei mal in sich aufgesogen hatte.
„Das reicht schon“, meinte Franz und lachte: „wenn ich mir die Gesichter so anschaue dürften so maximal dreitausend Vokabeln ausreichen. Hast du die in petto?“
„Du bist heute wieder so gehässig, Großer“, flachste Andreas und bot seinem Freund die geballte Faust freundschaftlich zum Erwidern der Geste an. Franz nahm an.
„Also, wenn ich das richtig verstehe, lassen die drei gerade ihren Frust ab, weil sie nach drei Tagen das Schätzchen immer noch nicht gefunden haben.“ Brav übersetzte Rudi alles, was er so von dem Tisch ein paar Meter weiter aufschnappen konnte. War nicht einfach. Da waren ja noch ein paar mehr Leute am Plaudern. Mit leiser Stimme fügte er an: „Der kleine da heißt Tomasz. Den versuchen sie gerade dazu zu überreden, weiterzumachen.“
„Womit weiterzumachen“, fragte Franz flüsternd nach und drehte seinen 140 Kilo-Körper um 45 Grad, um ein paar Live-Bilder einzufangen.
„Lass ihn doch mal zuhören, Franz“, meckerte Andreas und setzte sich in detektivischer Manier seine Sonnenbrille auf.
„Der ist wohl der Taucher“, dolmetschte Rudi weiter. „Und wenn ich seine Worte richtig verstehe, hat er die Schnauze voll, weil nichts voran geht. Die erwähnen auch immer diesen ominösen Marek, geben ihm schlimme Namen, die ich jetzt nicht wirklich ins Deutsche übersetzen möchte.“
„Bist doch sonst nicht so verlegen mit deinen verbalen Ausuferungen“, feixte Franz.
„Ich gebe dir gerne mal eine Privatstunde“, konterte der Journalist schlagfertig und unterbreitete ein unsittliches Angebot.
„Nein, nein, lass mal, nicht meine Welt“, entgegnete Franz und schüttelte sich innerlich bei dem Gedanken.
„Habt ihrs jetzt?“, unterbrach Andreas ebenso leicht angewidert. Er hatte nämlich fix kombiniert: „Wenn die jetzt schon aufgeben, dann sind wir auf alle Fälle mindestens gleich auf, wenn nicht schon ein paar Schritte weiter. Wir haben doch heute gesehen, wo die rumfahren. Vorne im Zentralbereich. Die Höllmühle ist aber viel weiter hinten gewesen, bei Hillstett etwa auf gleicher Höhe wo heute das 64-er Bockerl steht.“
„Fehlt uns nur ein Taucher, Andi. Oder willst du reinhüpfen?“
„Jetzt wartet mal, Jungs“, fiel Rudi den schäkernden Freunden ins Wort. „Unser Problem scheint sich wohl in Kürze von selbst zu lösen.“
„Wie meinst du das, sag bloß die werfen hin und zischen ab nach Hause?“ Franz rieb sich in Gedanken bereits die Hände.
„Na ja, so ganz scheinen sie sich noch nicht einig zu sein, aber ich habe das Gefühl, dass sich das Ganze noch verschärfen wird. Sie sprechen auf jeden Fall schon vom Abhauen.“
Rudi machte eine kurze Übersetzungspause, nahm einen langen Schluck von seinem Cocktail, zündete sich eine normale Zigarette an und meinte nur: „Schaut einfach mal selbst zu. Ich denke, ich muss hier grad nicht alles simultan übersetzen. Die Szenerie erklärt sich von selbst.“
Fürwahr: Es reichte die Stummfilm-Variante, um zu begreifen, dass es den Dreien an Einigkeit fehlte. Das Herumgestikulieren war ein eindeutiges Indiz dafür, dass sie mit den Nerven fertig waren und händeringend nach einer Lösung suchten. Jeder keifte den anderen an; so gut er eben konnte. Fehlte nur noch, dass sie sich die Wodka-Gläser an den Kopf werfen und sich die Rüben blutig schlagen. Fest stand allerdings schon jetzt: Einer würde als Verlierer aus dem Streit hervorgehen. Der kleine Tomasz. Er konnte sich nicht wirklich wehren. Laut und angestrengt brüllten sie ihn nieder und hatten mit ihrem Gegröle schon die ersten Blicke der anderen Gäste auf sich gezogen.
„Kannst du den Dreien bitte sagen, dass sie sich wie zivilisierte Menschen benehmen möchten, Rudi“, bat Gabi, „im Auftrag des Hauses. Sonst gibt das hier großen Stress. Würdest mir damit einen sehr großen Gefallen tun.“
Der Regensburger fackelte nicht lange. „Klar, die regen mich sowieso auf, die Idioten.“ Sagte es und war auch schon aufgesprungen, um zielgerichtet zu den Streithähnen zu spurten und klar Schiff zu machen. Was er zu ihnen sagte, konnten Gabi und ihre zwei neuen Freunde natürlich nicht verstehen. Die Gestik wirkte professionell, der Tonus kurz und bestimmend. Anscheinend saßen die paar wenigen Sätze und die drei verließen murrend die Terrasse.
„Hast du gut gemacht, danke“, lobte Gabi ihren Regensburger Freund. „Was hast du zu ihnen gesagt, dass sie so schnell abgezogen sind?“
„Na ja nichts Aufregendes. Nur dass sie die Leute hier stören und entweder leise sein oder die Terrasse verlassen sollen, was sie auch schlussendlich getan haben.“
„Ist dir irgendwas an ihnen aufgefallen?“
„Der erste der einknickte war der kleine Tomasz. Habt ihr nicht gesehen, wie er am ganzen Leib zitterte? Der macht’s nicht mehr lange, auf jeden Fall nicht mit der Truppe. Ich denke, wir sollten die Zeit für uns arbeiten lassen und noch einen Tag abwarten. Ich bin mir nicht sicher, aber ich habe da so das Gefühl, dass wir morgen eine Überraschung erleben werden.“
Gabi schaute traurig drein und japste schon trist: „Dann warten wir also bis morgen? Wollten wir nicht heute unseren Plan schmieden? Ich bitte euch. Je früher desto besser.“
Andreas hatte es noch nie ertragen können, einer hilflosen verzweifelten Frau in die Augen blicken zu müssen. Wie auf Knopfdruck aktiviert, griff er unvermittelt in seine Tasche und zog verstohlen die Silbermünze heraus, die er und Franz tags zuvor aus dem See gefischt hatten, versteckte sie geschickt in seiner Faust, streckte die Hand langsam und vorsichtig in Richtung Gabi und säuselte engelszungengleich: „Mach die Augen zu und deine Hand auf. Stell dir vor, wir wären schon mitten drin in unserem Plan. Und stell dir vor, Franz und ich hätten nur auf den Moment gewartet, ihn endlich in die Tat umsetzen zu können. Und dann stell dir vor, dass das, was ich dir jetzt gebe, bereits ein Teil dessen ist, was dich, was uns, was deine Vorfahren einen großen Schritt weiterbringen wird.“
„Sakradi, jetzt ziehst du aber mächtig auf“, schüttelte sich Franz vor Lachen aus. „Du bist ja grad voll auf der romantischen Schiene, oder? Wenn ich richtig gezählt habe, hast du doch erst zwei Weizen heute.“
„Ein Romantiker. Schön. Ein echter Romantiker.“ Rudi kam ins Schwärmen, verlor kurzzeitig seine Contenance und wedelte wie ein Mädchen mit den Händen wild in der Luft herum – gehört gewissermaßen auch zu einem metrosexuellen Mann, war aber gerade irgendwie unpassend.
„Jetzt halts doch amal eia Babbn ihr zwoa“, mimte Andreas auf seine bayerische Art den Fuchsteufelswilden, „i bin grad mittn in meiner Konzentrationsphase und ihr bringt’s mit grad sowas von durchananda, dass i gar nimma klar denga kon. Also Ruhe jetzt, bittschön!“
Die Sonne kehrte zurück in Gabis Gesicht und hatte ihr bereits ein Lächeln auf die Lippen gezaubert. „Alles gut, Andreas. Ich kann aber meine Augen vor lauter Lachen nicht mehr lange verschlossen halten.“
„Stell dir vor, dass das, was ich dir jetzt gebe, bereits ein Teil dessen ist, was dich, was uns, was deine Vorfahren einen großen Schritt weiterbringen wird“, wiederholte Andreas.
„Das hatten wir schon, Andi“, klinkte sich Franz, seinen dicken Bauch vor lauter Lachen haltend, noch einmal störend ein. Doch Andreas ließ sich nicht mehr aus der Ruhe bringen und sprach prinzenhaft die Zauberworte: „So öffne deine Hand und spüre die Wärme dieser Silbermünze.“
„Münze?“ Fast hätte es Rudi vom Stuhl gehauen und wie auf Kommando waren seine Hände wieder heterosexuell. „Habe ich da Münze verstanden?“ Noch einmal zog er wie wild an seiner Zigarette. Gras war leider aus.
„Mensch Andreas, ist es das, was ich denke?“ Freudentränen schossen aus den winzigen blauen Augen der blonden Frau. „Ihr habt die Kiste nicht etwa schon gefunden?“
„Nein, Gabi, haben wir nicht“, bedauerte Andreas. „Aber ich dachte, das wäre jetzt der richtige Moment, mit dem letzten Detail rauszurücken. Oder was meinst du, Franz?“
„Ich fand deine theatralische Darbietung zwar übertrieben“, schmunzelte Franz, „aber ja“, fuhr er mit ernster Miene fort: „Wir wollten einfach ein wenig abwarten, weil wir uns noch nicht ganz sicher waren, ob wir euch wirklich gleich alles erzählen sollten. Es ist besser, sich erst einmal ein wenig kennenzulernen, bevor man alles ausplaudert.“
„Ich verstehe euch total“, stimmte Gabi den beiden zu. „Ihr habt bisher alles richtig gemacht. Aber nun bringt doch mal ein wenig Licht ins Dunkel. Was ist das für eine Münze und wo habt ihr sie gefunden?“
Diesmal war Franz mit Erzählen dran. Schließlich war er es ja gewesen, der die Münze entdeckt hatte. In ähnlich epischer Ausführlichkeit, wie Andreas sie üblicherweise gerne einsetzt, berichtete er von der „lebensgefährlichen Aktion“ unten am See. Andreas kommentierte mit freundlichem Grinsen.
„Und ihr seid euch sicher, dass die Münze aus der Kiste meiner Urgroßmutter stammt?“
„Sicher sein kann man sich nie, Gabi“, dämpfte Andreas ein wenig die Vorfreude. „Sicher können wir uns erst dann sein, wenn wir den Schatz im Eixendorfer Stausee gefunden haben.“
„Dann sollten wir keine Zeit mehr verlieren“, spornte Franz die Gruppe an. „Lasst uns aufbrechen!“
„Moment“, bremste Andreas den Elan. „Das nützt alles nichts, wenn wir jetzt da runter gehen. Aktuell haben wir weder Taucher noch die notwendige Ausrüstung.“
„Eine Tauchausrüstung kann ich besorgen“, warf Franz ein. „Ich kenn‘ da jemanden, der die vermietet. Und wenn ich nett frage würde der sicherlich auch für uns ins Wasser steigen. Den Hans kennst du doch auch, Andi, oder?“
Rudi mischte sich ein: „Hattest du Tomasz eigentlich ausgiebig gemustert?“
„Wieso hätte ich den mustern sollen, Rudi? Das ist doch dein Job, oder?“
„Ganz einfach, Franz. Wegen seiner Körpermaße. Tomasz wird morgen für uns tauchen.“
„Bist du jetzt auch noch unter die Wahrsager gegangen? Wirst mir ja immer ungeheuerlicher!“
„Papperlapapp! Tut einfach das, was ich sage. Wir sehen uns morgen Vormittag unten am See. Und Tomasz wird auch dabei sein, das verspreche ich euch!“
Bevor Franz noch eine böse Bemerkung hätte kontern, dem Regensburger gehörig über den Mund fahren können, sprang Andreas plötzlich auf und rief: „Was ist denn da vorne für ein Aufstand? Blaulicht? Franz?“
Cześć Stàz – Pfiadi, Stanislav!
Durchatmen in der Suite der drei Polen war kaum möglich. Sie hatten die dicke Luft von gerade eben auf der Terrasse mit nach oben genommen und sich noch lange nicht ausgezofft. Eigentlich spielte aber nur einer verrückt: Stanislav, der große kleine Zweit-Chef. Wutentbrannt riss er den Kühlschrank auf und holte sich innerhalb von fünf Minuten schon die zweite Flasche Wodka heraus. Die war so schnell leer, so schnell konnte man gar nicht schauen. Und weil er sich in seinem Leben noch nie einen Fehler eingestehen, geschweige denn verzeihen konnte, prasselten seine Fluchtiraden auf den kleinen Tomasz herab wie spitze Pfeilsalven tausender Bogenschützen. Immer sind die anderen schuld. Nur er würde ja im Leben schon immer alles richtig gemacht haben. Er, der große, kluge Stanislav.
Zusammengekauert saß der arme Tomasz auf der Couch und wusste nicht, wie ihm geschah. Eigentlich hatte er doch keinen Fehler gemacht. Er konnte doch nun wirklich nichts dafür, dass die Schatzpläne nicht korrekt waren. Mehr als tauchen, den Boden durchsuchen, einfach seinen Job tun – mehr war wirklich nicht möglich.
„Du bist so was von einem Versager, Jan.“ Stanislav hatte sich schon sein nächstes Opfer ausgesucht.
„Wieso bin ich nun ein Versager? Du hast doch immer die große Klappe und weißt immer aller besser.“
„Hör bloß auf, wenn du dem Kleinen nicht alles durchgehen ließest, hätten wir den Schatz schon längst gehoben.“
„Jetzt bin ich daran schuld, dass du keinen Plan hast? Anstatt dir mal ordentlich Gedanken zu machen, knallst du dir lieber die Birne zu, weil du nie so gut sein wirst wie dein Freund Marek!“
Da hatte Jan nun wohl einen wunden Punkt erwischt. Stanislav holte aus und schmiss die leere Wodka-Flasche gegen die Wand. Die zerbarst mit einem lauten Knall. Die Glassplitter flogen durch den halben Raum. „Was weißt du schon, du Nichts.“
„Ist das alles, was du kannst? Wenn du nicht mehr weiter weißt, führst du dich immer auf wie ein kleines Kind. Hau doch ab und geh nach Hause!“
„Das tu‘ ich jetzt auch. Ihr könnt mich mal. Seht doch zu, wie ihr ohne mich mit Marek zurechtkommt.“
Vor der Verantwortung davonlaufen; das konnte Stanislav immer schon sehr gut. Anstatt sich einfach nur mal an der eigenen Nase zu packen, sich bewusst zu werden, dass Grenzen gemacht wurden, um sie zu akzeptieren, an ihnen und vor allem an sich selbst zu arbeiten, um die inneren Barrieren zu überwinden – anstatt also, simpel gesagt, einfach nur mal Mensch zu sein, ging er. Immer. Einfach so. Weg. Irgendwann kam er dann wieder, kleinlaut, als ob nichts passiert wäre. Die Welt jedoch, sie hatte sich bereits gedreht. Mehrmals. Auch ohne ihn.
„Wenn du gehen musst, dann geh.“ Jan spürte den Kampfgeist in sich hochsteigen. „Ich muss Marek gar nichts erklären. Du wirst das mit ihm schon regeln. In nüchternem Zustand hoffe ich allerdings, damit du endlich mal verstehst, was für ein selbstverliebter Idiot du bist.“
Stanislav hatte zwischenzeitlich Klamotten und Schuhe in seine schmuddelige Sporttasche geworfen, Zahnbürste und Duschgel aus dem Bad geholt, es kopflos auf die Kleidung geschleudert, noch die letzten zwei eiskalten Wodka-Flaschen aus dem Kühlschrank in den billigen Koffer gestopft und sich, die Tür aufreißend und gleich darauf zuknallend mit einem „Leckt mich doch! Seht zu, wie ihr nach Hause kommt!“ verabschiedet.
Weg war er. Die dicke Luft hatte sich von der einen auf die andere Sekunde verzogen. Tomasz erwachte langsam aus seinem apathischen Zustand und hob seinen Kopf, schaffte es sogar ein wenig zu lächeln.
„Danke Jan, du bist ein Freund“, sagte er.
„Schon in Ordnung, ich musste das tun. Tut mir leid, dass ich draußen so grob zu dir war. Aber …“
„Kein aber, Jan. Ich verstehe dich. Hab‘ dir schon verziehen. Stanislav ist einfach ein Idiot. Du hast was gut bei mir.“
„Das ist er. Manchmal. Er kann aber auch begeistern, dich mit seinen Ideen und Plänen mitreißen. Leider macht ihn das trotzdem nicht zu einem integren Menschen.“
„Wie kommen wir jetzt eigentlich nach Hause?“
„Mach dir da mal keine Sorgen. Marek wird uns schon nicht im Stich lassen. Ich denke, der Typ ist gar nicht so schlimm. Im Gegensatz zu Stanislav hat er meines Erachtens noch ein wenig mehr Verstand und Anstand. Obwohl er diese Eigenschaften wohl wegen seiner ganz speziellen Vorgeschichte immer gerne hintanstellt.“
„Ich hoffe es. Was meinst du, sollten wir unten auf ihn warten? Besser wir fangen ihn am Auto ab.“
„Hast Recht, Tomak. Das ist neutraler Boden. Lass uns gehen. Und bleib ganz cool, wir werden das schon regeln, wir beide.“
Tomasz hatte zum ersten Mal, seitdem er mit nach Bayern gekommen war, ein gutes Gefühl. Jan schien echt in Ordnung zu sein. Manchmal schätzt man die Guten anfangs falsch ein.
Das Ende einer langen Reise
Vor dem Gasthaus steppte der Bär. Jede Menge Polizei. Überall Blaulicht. In der Mitte des Hexenkessels der froschgrüne Żuk. Marek, von drei Polizeibeamten mühevoll an den polnischen Lieferwagen gedrückt und den Kopf an die Scheibe gepresst, zappelte noch immer. Obschon offensichtlich übermannt, wehrte er sich heftig gegen die Handschellen, die ihm ein weiterer Polizist anzulegen versuchte. Endlich klackte es. Nur widerwillig ließ sich Marek abführen, strampelte auch dann noch, als man ihn vorsichtig in den Polizeiwagen zu Stanislav schubsen musste.
„Jetzt ist es aus.“ Tomasz zitterte am ganzen Leib. Jan und er hatten das heftige Spektakel vom Hoteleingang aus beobachtet.
„Mach dir keine Sorgen, die können dir nichts. Du hast ja nichts Schlimmes getan. Ich werde für dich aussagen.“
„Jan, nein. Bleib hier“, flehte der kleine Pole und packte seinen Freund an der Jacke. „Die werden dich einsperren. Marek wird alles auf dich schieben.“ Fest zerrte Tomasz am Jackenärmel, um Jan daran zu hindern, sich willenlos der Polizei auszuliefern.
„Werden sie nicht. So wie du habe auch ich mir noch nichts zu Schulden kommen lassen. Es ist doch nichts dabei, einen Schatz zu suchen. Dafür gibt es selbst in Deutschland keine Strafe.“
Langsam öffnete Tomasz seine Hände, bis ihm Jans Jacke einen Augenblick später vollends engleiten sollte.
„Geh“, sagte Jan, „versteck dich, damit sie dich in Ruhe lassen. Wir sehen uns morgen. Da geht dann wieder die Sonne auf.“
Traurig blickte Tomasz Jan hinterher, als dieser die Treppen vor dem Gasthaus hinunter ging und sich freiwillig der Polizei stellte. Er wehrte sich nicht, ließ sich ohne ein einziges Widerwort die Handschellen anlegen, sich abführen.
Nervös schlich Tomasz zurück in das Hotel und lugte aus dem Fenster. „Hoffentlich hat mich niemand gesehen“, schossen ihm immer und immer wieder von allen Seiten die übelsten Gedanken wie spitze Meteoriten durch seinen vor Schweiß triefenden Kopf. Noch immer zitterte er am ganzen Körper. Sein Herz pochte bis zum Hals, schnürte ihm regelrecht die Luft ab. Er fühlte, wie der Boden unter seinen Füßen aufbrach. Er fühlte ihn, diesen unbeschreiblichen Sog, der ihn in die dunkle Leere eines undefinierbaren Nichts zu ziehen schien. Minutenlang starrte er, sein Gesicht hinter einer der buschigen Geranien auf dem Fenstersims versteckend, durch das Glas – in Furcht verharrend. So lange, bis der Spuk endlich vorbei sein würde. Das tobende Lichtermeer aus Blaulichtern beruhigte sich, die Polizeiwagen fuhren davon. Der Parkplatz leerte sich. Am Ende stand nur noch der Żuk da. Tomasz‘ Knie zitterten noch immer, als er sich auf den kalten Boden sinken ließ, sich auf den Hintern setzte. Die Beine weit von sich gestreckt. Den Kopf gesenkt. Wie tot.
„Wow!“ Franz war sprachlos. Von der Terrasse aus hatten er, Andreas, Rudi und Gabi das wilde Treiben auf dem Parkplatz mitverfolgt. „Das war jetzt grad richtig filmreif“, kommentierte er, nachdem er erst einmal richtig durchgeatmet hatte.
Andreas kam ein wirrer Gedanke: „Hattest du Max dann doch mehr erzählt oder woher wussten die Kriminaler von den Polen?“
„Nein, gar nicht“, wehrte Franz ab. „Ich hatte ihn doch nur wegen des Kennzeichens angerufen. Keine Ahnung.“
Wie aus heiterem Himmel fing Rudi hinter den beiden plötzlich an, sein Lieblingskinderlied zu pfeifen. Überrascht drehten sich Franz und Andreas um, starrten den Kerl mit weit geöffneten Augen an, und brachten spontan nur noch ein gemeinsames Wort außerordentlicher Verwunderung über ihre trockenen Lippen: „Schnappi?“
Rudi frohlockte und zwinkerte den beiden mit seinem linken Auge zu: „Jungs, ihr seid vielleicht gut, aber eigentlich bin ich eben auch viel besser als ihr.“
Franz war sauer und enttäuscht zugleich: „Hast du die Polizei gerufen oder was?“
„Klar“, strahlte die Blondlocke triumphierend. „Gabi hatte euch doch heute erzählt, dass ich gute Kontakte nach Regensburg habe. Eine kurze SMS hatte genügt. Und schon waren sie da, meine Freunde.“
„Deine Freunde? Aha!“ Franz war der Typ von Haus aus suspekt gewesen. Je mehr Zeit er mit ihm verbringen musste, desto abscheulicher fand er ihn. „Dieser schmierige, intrigante Typ“, dachte er bei sich, „was finden Frauen an dem?“
„Sei es wie es sei, Franz.“ Offensichtlich hatte Andreas den Typen auch satt. „Ein Gutes hat Rudis spontane Aktion auf jeden Fall. Wir sind die Männer los und können uns vollends auf den Schatz konzentrieren.“
„Nicht alle“, lachte Rudi hämisch. „Die haben doch nur drei mitgenommen, oder? Hatte ich meinem Mittelsmann bei der Kripo in Regensburg auch so kommuniziert, dass da nur drei mitzunehmen sind.“
„Mitzunehmen sind“, wiederholte Franz Rudis letzte zwei Worte sichtlich abstoßend. „Hältst dich wohl für den Übergott, oder? Pssssssssss! Andi, da dürfen wir ganz schön aufpassen mit dem. Nicht, dass der uns auch noch eine Falle stellt.“
„Bleibt mal ganz locker, Jungs“, entgegnete Rudi, „wir sind doch ein Team, oder?“
„Ein Team, soso.“ Die Enttäuschung stand Franz ins Gesicht geschrieben. Insgeheim hoffte er, den Regensburger möglichst bald für immer in den Wind schießen zu können.
„Also, ich brauch erst mal ein Weizen, du auch Franz?“ Andreas, Franz‘ Ruhepol, hatte stets die besten Ideen, um komplizierte Situationen zu neutralisieren.
„Ja, mein Freund, lass uns erst mal zur Ruhe kommen und uns Gedanken machen, wie wir das morgen mit der Schatzsuche angehen werden. Ich muss noch den Hans anrufen wegen der Taucherausrüstung.“
„Macht ihr mal“, gebot Rudi. „Ich mach mich in der Zwischenzeit mal auf die Suche nach dem kleinen Tomasz. Der muss bestimmt irgendwo rumlungern und wird mein Angebot, das ich ihm unterbreiten werde, sicherlich nicht abschlagen.“
„Ja, mach du mal, wir sehen uns dann morgen um …“
„… um neun Uhr in Hillstett, würde ich sagen, Franz. Bis dahin sollte ich den kleinen Polen dann schon weichgeklopft haben.“
Und weg war er, der Regensburger.
„Andi“, setzte Franz, endlich wieder in trauter Zweisamkeit mit seinem Freund, noch einmal an: „Sag mir bitte, dass das gut ausgehen wird.“
„Das wird gut ausgehen, Franz! Wir haben doch schon so viel gemeinsam durchgestanden. Den Trottel werden wir sicher auch noch los. Schau, s’Weizen is da. Prost, hau mas weg jetzt!“
Technische Feinheiten und überkandidelte Rengschburger
Franz hatte die ganze Nacht über kaum geschlafen. Da hatten diesmal auch alle wohlwollenden Worte seines Freundes tags zuvor nicht geholfen. Außerdem trieben ihn die vier Weißbier, die er mit Andreas zur Beruhigung der Seele noch gemeinsam hatte trinken müssen, zwei Mal nächtens auf die Toilette. Verständlich also, dass er nach dieser wirren Nacht in seinem Wasserbett nur sehr mühsam auf die Beine gekommen war. Und das schon um sechs Uhr morgens. Sechs Uhr morgens – das war noch nie seine Zeit gewesen. Er musste aber aufstehen, sollte ja noch zum Hans gefahren sein und die Taucherausrüstung abgeholt haben. Der Besitzer des Sportgeschäfts hatte ihm freundlicherweise einen Sprinter ausgeliehen, so dass er sich zumindest wegen des Transports des unhandlichen technischen Geräts keine Sorgen hatte machen müssen.
Als er kurz vor neun Uhr auf dem Parkplatz in Hillstett, also unten am „Bockerl“, angekommen war, war Andreas bereits dagestanden und hatte zusammen mit Gabi in seinem Cabrio gewartet. Von dem Regensburger bisher keine Spur.
„Guten Morgen, ihr zwei“, grüßte Franz die beiden durch das heruntergekurbelte Fenster der Fahrertür. „Alle klar bei euch?“
„Was ist los, Franz“, erwiderte Andreas etwas besorgt. „Du siehst nicht gut aus heute.“
„Na ja“, lachte Franz nur ansatzweise entspannt, „weißt du, es war eine harte Nacht. Mir hat der Regensburger Troll keine Ruhe gelassen. Aber wartet einen Moment, ich stelle erst mal den Sprinter ab.“
Während Franz den sperrigen weißen Lieferwagen versuchte, rücklings einzuparken, was sich angesichts mangelnder Fahrpraxis mit Geschossen dieser Art relativ schwierig gestalten und auch mehrere bedauernswerte Versuche lang dauern sollte, waren Gabi und Andreas bereits ausgestiegen und hatten sich überaus geschäftig so an das Heck Andreas‘ BMW gestellt, als hätten sie etwas verbergen wollen.
Endlich stand der Sprinter an der Stelle, an der sich Franz vorher gedacht hatte, dass er stehen sollte. Er stieg aus, schloss die Tür und rief den beiden anderen zu: „Na? Was versteckt ihr denn da Schönes? Was soll ich denn nicht sehen?“
Gabi grinste. „Weißt du, Andreas hat mir heute Morgen erzählt, dass du den Rudi total gerne hast und dass er dein neuer bester Freund werden wird.“
„Von wegen“, lachte Franz endlich zum ersten Mal an diesem Morgen aus ganzem Herzen. „Außer, der Andi will mich loshaben, dann werde ich mit dem Schnappi mal ein paar Bierchen in der Regensburger Unterwelt trinken gehen.“
„Niemals“, antwortete der kleine Mann, „das weißt du!“
„Klar weiß ich das“, antwortete Franz, „war ja nur ein Scherz. Und was habt ihr jetzt da?“
Franz näherte sich dem Kofferraum und glaubte seinen Augen nicht zu trauen. „Ihr spinnt doch, oder?“
„Nein“, freute sich Andreas. „Wir spinnen nicht. Kannst dich bei der Gabi bedanken. Das war ihre Idee. Deshalb hab‘ ich sie auch abgeholt, weil sie ja nur einen kleinen FIAT hat. Da hätte das alles nie hineingepasst.“
Vor Franz‘ Augen präsentierte sich das Wundervollste, was jedem echten Bayern das Herz aufgehen lässt: Heiße Weißwürste, die noch im dampfenden Sudwasser vor sich hinschwammen, gleich daneben frische, nach Landbäckerei duftende Brezen, liebevoll drapiert in einem Korb mit einem mit Rauten gemusterten Tuch, echter „Händlmeier Süßer Hausmachersenf“ und – Franz fasste die Flaschen an – tatsächlich kaltes, frisches Weizenbier.
„Mann, sads ihr liab.“ Franz musste sich anstrengen, um seine Freudentränen zu verstecken.
„Was tut man nicht alles für einen Freund, wenn es ihm schlecht geht. Also dann“, öffnete Andreas die erste Flasche und ließ den kühlen Weizensaft in das blitzeblanke hohe Glas gluckern, „auf uns und auf den Schatz. Hau mas weg, Franz!“
Franz zog sich auch eine Flasche aus dem Bierkasten im Kofferraum und tat seinem Freund gleich. „Also dann, mein Freund, hau mas weg“, rief er. „Auf uns, auf die Gabi und auf den Schatz.“ Kurz innehaltend fügte er dennoch leicht skeptisch dreinblickend hinzu: „den wir heute hoffentlich heben werden.“
„Sicher schaffen wir das, Franz“, bekräftigte Gabi. „Und ehrlich gesagt: Falls da nichts sein sollte, so weiß ich jedenfalls jetzt, dass sich Freundschaft nicht mit Gold aufwiegen lässt. Aber jetzt greift zu, Jungs, die Weißwürste werden langsam kalt!“
Das ließen sich Franz und Andreas nicht zwei Mal sagen. Jeder legte sich eine Weißwurst auf einen Teller, tat den Regensburger Senf mit drauf und zuzelte genussvoll das klassische bayerische Frühstück an diesem herbstlichen, im Gegensatz zum Tag vorher schon wieder etwas kühleren Herbsttag. („Zuzeln“ beschreibt übrigens eine von vielen Varianten, wie man in Bayern eine Weißwurst isst. In diesem Fall wird das Innere der Haut durch einen Unterdruck im Mund herausgesogen und die Haut selbst abgekaut, anschließend auf den Teller gelegt. Nur manche unkultivierte, uns bekannte Menschen von ganz von oben in Deutschland, benutzen beim Weißwurstessen Messer und Gabel.)
Die drei auf dem Parkplatz waren gerade so in Stimmung gekommen, hatten den Schatz ob des Gaumenschmaußes schon fast vergessen, da zischte ein weiterer Lieferwagen wie vom Teufel höchstpersönlich gesteuert die abschüssige, eigentlich auf maximal 30 km/h reduzierte Anhöhe herunter.
„Kreizdeifi nommal nei“, entfuhr es Andreas, „hods mi jetzt grissn!“
„Oh mei, da Schnappi“, spottete Franz verächtlich und warnte: „Der hod an Zahn drauf wia a Geisteskranker! Halt’s eich fest!“
„Hallo Jungs, und guten Morgen liebe Gabi“, grüßte er protzig aus dem Mercedes-Benz Transporter, nachdem er den Lieferwagen durch einen ungeschickten Bremsvorgang fast abgewürgt hatte. „Und schaut mal, wen ich dabei habe.“
Die drei hatten ja nicht wirklich daran geglaubt, dass Rudi seine großkotzige Ankündigung tatsächlich in die Tat umsetzen hätte können, den kleinen Tomasz anzuheuern. Umso erstaunter waren sie, als sie den schmächtigen jungen Polen neben Rudi auf dem Beifahrersitz des Mercedes entdeckt hatten.
„Der wird mir immer unheimlicher“, flüsterte Franz Andreas ins Ohr. „Mir auch“, stimmte er ihm zu.
Langsam stieg Tomasz aus dem Wagen. Seine Nervosität blieb niemandem der Anwesenden verborgen. Gebückt, den Kopf nach unten gesenkt, watschelte er wie eine tranig-traurige Ente um die mächtige Mercedes-Front herum und lehnte sich mit dem Rücken an den Wagen. Seine defensive Haltung beibehaltend als wollte er wohl sagen: „Ich fühle mich hier einsam und unwohl.“
Die Message kam an. Bei jedem. Franz fasste sich als erster ein Herz, kramte einen Satz aus seinen hintersten Gehirnwindungen, den er mal von einem polnischen Kollegen aufgeschnappt hatte. Er wusste, dass er ihm eines Tages hilfreich sein würde und so begrüßte er den scheuen jungen Polen in dessen Muttersprache.
„Dzień dobry Tomasz, jak leci? Guten Morgen Tomasz, alles gut?“ Sagte es, und reichte dem jungen Mann freundlich die Hand. Langsam hob Tomasz seinen Kopf und zugleich seine Mundwinkel, die sich zu einem leichten Lächeln formten. Nun schlossen sich auch Andreas und Gabi an und begrüßten den jungen Mann ebenso mit einem herzlichen „Dzień dobry“.
Tomasz schien schließlich zu erwachen. „Stara biedą“, antwortete er überschwänglich, „stara biedą“, und gab nun auch allen anderen die Hand. Das Eis schien gebrochen.
„Rudi“, bat Franz, „magst du ihm bitte sagen, dass nun mein Wortschatz erschöpft, er aber herzlichst eingeladen sei, mit uns ein bayerisches Frühstück zu sich zu nehmen.“
„Mach‘ ich Franz, mach ich“, antwortete Rudi, übersetzte dem jungen Polen und der lachte nur: „Ja, Weißwurst, ja. Bitte, ja. Weißwurst.“ Einladend hob Andreas seinen Arm und bedeutete dem gerade noch scheuen Reh, kräftig zuzugreifen und führte es in die Kunst bayerischer Frühstückskultur ein.
„Wo hast du denn deinen Porsche heute gelassen“, wollte Franz von Rudi wissen. Denn eigentlich war er mehr verwundert darüber, dass der Regensburger nicht mit seiner PS-starken Viertelmillion gekommen ist als darüber, dass er Tomasz mitgebracht hatte.
„Weißt du, ich dachte mir“, prustete sich Rudi auf, „ich bring‘ mal eine richtige Taucherausrüstung mit. Weißt du, wir haben da in Regensburg mehrere Top-Läden, die auf Tauchen spezialisiert sind. Und da ich davon ausgegangen bin, dass ihr hier auf dem Land auf gar keinen Fall die neuesten Trends ausleihen könnt, hab ich einfach alles Notwendige eingepackt.“
„Aha, du hältst uns wirklich für total bescheuert, oder?“
„Na na“, konterte Rudi, „das hast jetzt du gesagt. Ich dachte einfach, dass es besser wäre, wenn … aber komm einfach mal mit, ich zeig‘ dir das alles.“
Sagte es und hatte auch schon fast, die Rückseite des Mercedes in Windeseile erspurtet, den Lieferwagen geöffnet. Stolz zog er die Tür zur Seite und Franz präsentierte sich das Mekka eines jeden Taucherfreundes. Zum Glück war er keiner.
„Und das kannst du dir einfach alles so ausleihen“, beäugte Franz den großspurigen Blonden skeptisch.
„Ich habe eben meine Kontakte in Regensburg. Mehr musst du nicht wissen.“
Wieder fehlten Franz die Worte, weshalb er ein weiteres Mal mit einem „Aha“ antwortete und baff vor dem Wagen stehen blieb, während Rudi hineinhüpfte und ihm die Geräte präsentierte wie die Tante vom Drückerkolonnen-Fernsehsender: Hier ein Atemregler für 3500 Euro, da noch ein „Wahnsinns Neopren-Anzug“, angeblich eine Spezialanfertigung aus Agadir, nur in Regensburg erhältlich für satte 2500 Euro, und dann noch jede Menge Tauchzubehör, darunter Tauchermesser, Bojen, Schnorchel, Tauchcomputer und sage und schreibe noch fünf Sauerstoffflaschen in Schwarz mit „megacoolem Aufdruck“.
„Und das Gas für die Flaschen habt ihr sicherlich gestern Abend noch aus Timbuktu einfliegen lassen, oder? Mein Gott Rudi, das ist der Eixendorfer Stausee und nicht der Indische Ozean. In welcher Welt lebst du eigentlich?“
„Du hast das falsch verstanden, Franz. Ich wollte nur …“
Franz wiegelte ab: „Ich schick‘ dir gleich mal den Andi vorbei, vielleicht kannst du den für den ganzen Kram begeistern“. Franz hatte die Nase voll. Mehr als gestrichen voll. Vor allem, weil er in seinem Leben schon so oft auf Menschen gestoßen war, die weder Maß noch Ziel kannten. Und der blonde Rudi war ein ausgesprochen exzentrisches Exemplar dieser Gattung.
„Ja, mach mal, ich bereite in der Zwischenzeit alles vor.“
Franz ging zurück zu seinen Freunden, erzählte ihnen missmutig, was sich da in dem Mercedes alles befinden würde, dass Rudi schon wieder auf eigene Faust gehandelt hätte, und schenkte sich vor lauter Frust gleich noch ein frisches Weißbier ein. Mit Freude bemerkte er, dass sich Tomasz wohl mittlerweile mit den anderen beiden gut zu verstehen schien.
„Lass gut sein, Franz, der ist ganz einfach ein Depp“, tröstete Andreas seinen Freund.
„Wie sieht’s jetzt aus ihr zwei? Oder besser gesagt ihr drei? Können wir loslegen?“ Gabi wollte es nun doch wissen und fing an, lieb zu drängeln.
„Also an mir soll es nicht liegen, wie ist es mit dir Tomasz?“
Der Pole schaute fragend in die Luft. Franz zog sein Smartphone aus der Tasche, um nach dem Wort „Tauchen“ zu suchen.
„Tomasz, nurkować?“
„Tak, Franz, nurkować, ich tauchen!“
Franz erhob seinen Daumen und gab sein „Go!“
Agenten unter sich
„Jan Kowalczyk?“ Professionell kühl klang die Stimme des großen bärtigen, leicht übergewichtigen Kriminalkommissars, als er den polnischen Mann in das Vernehmungszimmer im Polizeipräsidium in Regensburg bat. Die Nacht über hatte Jan, ebenso wie seine zwei Kumpane, in einer Zelle bei der Kripo in Amberg verbracht. Am frühen Morgen waren er, Marek und Stanislav nach Regensburg überführt worden. Eigentlich gibt es bei der Polizei eindeutige Zuständigkeitsgrenzen. Warum sie schlussendlich alle drei in Regensburg gelandet waren, konnte Jan im Moment noch nicht einschätzen. War ihm sowieso egal. Er kannte Bayern, geschweige denn Deutschland, bisher nur auf der Landkarte. Es war sein erster Besuch im Freistaat und der endete für ihn bedauerlicherweise gleich hinter Gitter.
So hatte sich der 37-jährige die Schatzsuch-Aktion jedenfalls nicht vorgestellt. Dass Marek und Stanislav Falotten waren, das wusste er, schätzte allerdings die Situation nicht wirklich so riskant ein, dass er gleich verhaftet werden würde, nur weil er seine Hilfe angeboten hatte, einen Schatz aus einem See zu holen. „Das kann uns niemand verbieten“, hatte er sich immer gesagt. Und gesagt hatte er das auch zu Tomasz, den er im Namen von Stanislav gebeten hatte, mit nach Bayern zu kommen und zu helfen, für die Truppe zu tauchen. Freilich spielte ein wenig Neugier mit. Auch Abenteuerlust und der Drang nach Freiheit. Freiheit in dem Sinne, dass er einfach mal raus wollte aus dem Karpatenland, raus aus der Langeweile und für ein paar Tage einfach mal was anderes sehen wollte als tagtäglich stinkende, pissende Kühe im Stall. Jan war Landwirt, allerdings nur unter Protest. Seine Eltern waren nämlich nicht mehr allzu gut auf den Beinen, weshalb ihn sein Vater sozusagen dazu verpflichtet hatte, den Hof in dessen Namen zu führen. Jan war schon immer pflichtbewusst gewesen in seinem Leben. Er hatte die Bitte nicht abschlagen können. Ein Fehler, wie ihm erst zu spät klar geworden war.
„Herr Kowalczyk.“ Noch einmal nannte ihn der Kriminaler beim Namen. Dieses Mal jedoch klang seine Stimme freundlich und zuvorkommend. „Herr Kowalczyk, gegen Sie liegt nichts vor. Sie sind frei und können gehen, wohin Sie wollen.“
Jan reagierte lediglich mit einem leichten Zucken, denn er sprach kaum ein Wort Deutsch, maximal ein paar Brocken Englisch. Das war’s aber auch schon.
Schnell kombinierte der Polizist, versuchte es in Englisch: „You are free. You can go“, sagte er, gab Jan seinen Personalausweis sowie die Entlassungspapiere und zeigte auf die Tür.
Da zog ein Leuchten auf in Jans Augen, er hatte verstanden, dass er gehen durfte, sprang auf, griff die Hand des Polizisten und schüttelte sie auf und ab. Ein „Thank you“ folgte dem nächsten und Jan wollte den Beamten gar nicht mehr loslassen, so ausgelassen machte ihn die Nachricht.
„It’s ok, you can go. Bye!“ Endlich hatte es der Kripobeamte geschafft, sich von dem festen Griff zu lösen und Jan verlies glücklich den Büroraum.
„On the left, then downstairs“, rief ihm der Polizist noch nach und wies ihm en passant den Weg in die Freiheit.
„Was war mit Stanislav und Marek“, schoss es Jan durch den Kopf, als er den langen Gang des relativ neuen, nicht nur von außen kühl wirkenden Gebäudes entlang schlenderte. „Wo sie nur sein mögen“, dachte er sich. „Ob sie auch frei sind wie ich? Vielleicht sind sie ja schon weg und haben mich zurückgelassen. Zuzutrauen wäre es ihnen ja nach der missglückten Aktion auf dem See. Ich hätte mich niemals auf diesen irrsinnigen Auslandseinsatz einlassen sollen. Das war der absolute Reinfall. Und der arme Tomak. Den habe ich da einfach so reingeritten. Der wird wohl nun alleine irgendwo im Hotel sitzen und nicht wissen, wie es weiter geht. Hat er überhaupt noch Geld für die Rückfahrt? Ich muss zurück. Ich muss da hin. Ich muss ihm helfen. So schnell es geht.“
Jan wurde das flaue Gefühl in seiner Magengegend einfach nicht los. In seiner Verzweiflung ging er immer schneller und noch schneller, lief den langen Gang entlang, bis er, ja bis er gedankenschwanger fast an dessen Ende angekommen war und eine teils mit Milchglas abgesteppte Glasfront entdecken sollte. Als hätte ihm jemand befohlen, stehen zu bleiben, tat er das, drehte sich zur Wand und lugte hindurch. Zuerst erkannte er nur Umrisse. Als er endlich eine Stelle mit klarem Glas entdeckt hatte, erschienen die Bilder schließlich klar. Es war großer Raum. Teilweise abgedunkelt. In der Mitte saßen sie an einem großen Holztisch: Stanislav zusammengekauert, Marek hingegen stolz aufrecht sitzend – noch immer mit Handschellen gefesselt. Um sie herum standen befremdliche Gestalten in dunklen Anzügen und schwarzen Krawatten, weißen Hemden und Sonnenbrillen. Einige telefonierten, andere gingen hin und her, wiederum andere fuchtelten wild mit ihren Händen aufeinander zu, als würden sie aufgebracht diskutieren, wenn nicht sogar streiten. „Was machen die da drin? Sind das auch Anwälte? Agenten vielleicht? Der Staatsschutz?“ Jan kribbelte es am Rücken, dann spürte er einen kurzen aber festen Schlag auf seinen Schultern.
„Was tun sie da?“ Wie ein Blitz schossen Jan die scharfen Worte hinab bis in die Knie. Er zuckte zusammen, taumelte, musste sich sogar an der Wand festhalten, um nicht zu fallen. So unvermittelt hatte ihn der schrille Schrei der Polizistin getroffen, die hinter ihm stand und mit ihrer rechten Hand an ihre an einem Ledergürtel befestigte Waffe fasste. Was sie gesagt hatte, würde Jan nicht verstanden haben. Allein der Tonfall reichte als Warnung aus. Sein ganzes Gewicht auf die Fußballen gestützt, drehte er sich in Richtung der weiblichen Staatsgewalt, riss seine Hände nach oben, um zu signalisieren, dass er nichts Böses im Sinn hatte und hielt ihr dabei seine Entlassungspapiere vor die Nase. Ein kurzer Blick reichte ihr. Fest packte sie Jans Hände und half ihm wieder auf die Beine.
„Aber jetzt gehen Sie, bitte“, forderte sie Jan auf. „Bitte, gehen Sie jetzt, Go! Goodbye!“
Das ließ sich Jan kein drittes Mal sagen. Jetzt würde er nicht mehr stehen bleiben. „Nur noch weg hier“, sagte er sich. Er eilte bis ans Ende des Ganges, die erste Treppe hinunter in den ersten Stock, dann noch mal ein paar Stufen bis zum Erdgeschoss. Am Ausgang zeigte er Entlassungspapiere und Ausweis vor. Der Polizist am Schalter kontrollierte nur kurz. Für Jan verging derweil eine gefühlte halbe Ewigkeit. Endlich sollte ihm der Summer den Weg in die Freiheit weisen. Nur noch ein paar Schritte. Und? Die Tür öffnete sich. Nun konnte er wieder frische Luft atmen.
„Jetzt muss ich aber schnell zu Tomasz“, ließ ihn der Gedanke an seinen Freund nicht mehr los. „Aber wie komme ich da hin? Der See war doch ziemlich abseits gelegen. Wie hieß er Ort noch mal?“ Jan dachte angestrengt nach. „Irgendwas mit … verdammt. Gü … Gü … Güte Land.“
Während er noch vor sich hin grübelte, fiel ihm am Straßenrand ein Bushalteschild auf. Dass man in großen Städten am besten den Hauptbahnhof ansteuert, wenn man sich nicht auskennt, das wusste Jan. „Sworzec główny“, also „Hauptbahnhof“ war eines der Wörter das er auch in Deutsch kannte. „Autobus 31“, flüsterte er. „Der fährt dort hin.“ Kontrollierend griff Jan zu seiner Geldbörse, zog sie aus der Tasche und öffnete sie. „Gott sei Dank, 100 Euro sollten reichen“, sagte er sich, steckte das Portemonnaie wieder ein und postierte sich wartend am Haltestellenschild. Sein einziger Gedanke: „Tomasz, ich komme!“
Vom Glück verzaubert
In Hillstett am See hatten die fünf Schatzsucher mittlerweile alles vorbereitet. Leidvoll sollte Andreas die vom großen Regensburger Zampano alle bis ins kleinste Detail geschilderten technischen Informationen über die „beste Taucherausrüstung der Welt, die es sonst kein zweites Mal gibt“ ertragen haben müssen. Franz war froh gewesen, dass ihm sein Freund diese sinnlose, lediglich auf das Erhaschen von Komplimenten ausgelegte Selbstdarstellung abgenommen hatte, und sollte Tomasz in der Zwischenzeit unterstützt haben, sich anzuziehen. Auch Gabi hatte mitgeholfen, die ‚tatsächlich notwendigen‘ Ausrüstungsgegenstände mit ans Ende der kleinen Landzunge zu tragen, von der aus man gut ins Wasser steigen konnte. Das meiste von dem, was Rudi mitgebracht hatte, es blieb in dem Mercedes Transporter – war ja eh schon von vornherein klar. Aber der Regensburger war wohl nichts anderes als ein selbstverliebter Clown.
Tomasz checkte schon mal ab. Das Wasser war kalt, aber nicht zu kalt. Und besonders tief war es auch nicht. Eine Sauerstoffflasche sollte also reichen. Im Gegensatz zum Zentralbereich war der östliche Teil des Sees eindeutig seichter. Leichter dadurch auch für Tomasz, der nach drei alles von seinem müden Körper fordernden Tagen und nach einer schier ruhelosen Nacht im Kampf gegen erdrückende Gedanken schon lange am Rande der Erschöpfung angekommen war.
Endlich kamen auch Andreas und Rudi mit an die Stelle am See, an der die anderen drei bereits gewartet hatten. Auch Andreas war sichtlich erschöpft, allerdings nur ob des langen Monologs, den er sich von dem Regensburger anhören hatte müssen und hatte für sich und Franz gleich nochmal zwei frische Weißbier mitgebracht. Unter den Achseln trug er eine alte Karte vom See. Eine Karte, auf der die Region östlich von Neunburg vorm Wald skizziert war. So, wie man sie noch aus der Zeit kannte, bevor der See geflutet worden war. Tags zuvor hatte er sich den Plan noch aus dem Internet ausgedruckt, um auf Nummer sicher zu gehen.
„Alles klar Jungs? Wszystko w porządku?“ Rudi mimte den Boss, was er gut konnte, war er doch der Einzige, der mit dem polnischen Taucher hatte kommunizieren können. Vorsorglich kontrollierte er noch einmal alle technischen Geräte, die an Tomasz herunterhingen; in aller Selbstverliebtheit.
„Wart mal, Rudi, er weiß ja noch gar nicht wo er hin muss“, stoppte Andreas, faltete die Karte auf und zeigte dem Taucher, wo er sich gerade befand, wo er in etwa wonach genau suchen müsste und in welchem Umkreis er umher schwimmen sollte. Da die Schatzkarte in Gabis Koffer nur in Ansätzen auf die Gegend abbildbar war, sollten die minimalen Anweisungen für Tomasz ausreichend sein. Immerhin schien er ja ein erfahrener Taucher zu sein.
„So“, drängte Rudi in seiner jovialen Art darauf, endlich den Startschuss geben zu können, drückte Andreas leicht zur Seite und sagte: „Wir können dann. Tomasz, zaczynamy!“
„Hey. Ich bin doch keine Schiebetür“, wehrte sich der kleine Mann gegen die arrogante Attacke des Regensburgers.
„Psssssss! Lass guad sei, Andi. Trink ma einfach auf unser Rengschburger Gscheidhaferl“, prostete Franz zynisch grinsend seinem Freund zu. „Host Recht, er woas’s ned anders. Prost, mein Freund, hau mas nommal weg, kumm!“
Tomasz war zwischenzeitlich ins Wasser gestiegen. Er wollte die Sache einfach so schnell wie möglich hinter sich gebracht haben. Nicht deshalb, weil er keine Lust mehr hatte. Nein im Gegenteil. Es bereitete ihm große Freude, mit seinen neu gewonnen Freunden die Aktion „Eixendorfer Stausee“ aufs Neue zu starten, weil er davon überzeugt war, dass die Gabi, der Andreas und auch der Franz weitaus intelligenter waren als Marek und Stanislav. Auch viel netter und freundlicher; ohne Hintergedanken, ohne Geschrei und ohne Druck. Nur von dem Regensburger war er nicht begeistert. Arrogante Menschen hatte er noch nie leiden mögen. Nur von sich selbst überzeugten Menschen wie Rudi Müller begegnete er grundsätzlich nur auf Distanz. Dass der wiederum Polnisch konnte, war das einzige Plus, das ihm Tomasz zugestehen würde. Doch selbst das sprach er nur schlecht extrem akzentbehaftet. Den ganzen Abend lang hatte ihn der Journalist regelrecht bekniet, für ihn und nur für ihn zu tauchen, hatte ihm einen großen Anteil aus dem Fund versprochen und auch, dass er seine Kontakte spielen lassen wolle, um Tomasz einen Job in Regensburg zu verschaffen. Dem jungen Polen war das zwar alles sehr suspekt vorgekommen, weshalb er am Morgen auch sehr nervös gewesen war. Allerdings hatte er erst Mal keine andere Möglichkeit. Immerhin steckte er ja fest in der Oberpfalz. Geld hatte er keines mehr. Die erfrischende bayerische Gemütlichkeit jedoch, und vor allem die unvoreingenommene Art, ihm freundschaftlich zu begegnen, ihn zudem – obwohl fremd im Land – zu einem Frühstück einzuladen, sie sollte das Eis gebrochen, ihm bewiesen haben, dass es überall auf der Welt solche und solche Menschen geben kann. Und er war sehr froh darüber.
„Da blubbert er dahin“, freute sich Franz, als er den vom trüben Wasser verschluckten Tomasz hinterher sah. „Hättest du das gedacht, Andi, dass das so schnell gehen würde?“
„Niemals. Aber schau, all das haben wir dem Rudi zu verdanken. Der hat das, wenn auch ohne uns vorher darüber in Kenntnis gesetzt zu haben, gut eingefädelt mit der Polizei.“
„Eine Kleinigkeit für mich, Jungs“, biederte sich die schmierige Blondlocke an. „Aber ich habe das ja für Gabi getan.“
„Ja“, antwortete sie glücklich und entspannt, „und dafür danke ich dir sehr. Ich hoffe, dass du Tomasz nicht allzu sehr dazu überreden musstest?“
„Nein, nein“, fasste sich Rudi unerwartet kurz: „Wir haben in aller Ruhe gesprochen und er war eigentlich sofort Feuer und Flamme. Alles in Ordnung.“
Alles in Ordnung? Sicher nicht. Alles gelogen! Denn was die drei nicht wussten: Inoffiziell hatte der Regensburger den jungen Polen nicht nur bekniet, ihm Geld und einen Job versprochen, sondern insgeheim schon damit spekuliert, ihn, nachdem er den Schatz gefunden haben würde, mit einer frei erfundenen Behauptung nach allen Regeln der Kunst zu verpfeifen. Denn schon nachdem er Tomasz zusammengekauert am Hoteleingang gefunden hatte, war ihm in den Sinn gekommen, den jungen Mann schamlos auszunutzen und ihn anschließend unter einem fadenscheinigen Vorwand den deutschen Behörden auszuliefern. Er hatte da schon einen Plan, welche Schaltstellen seines verflochtenen Netzwerks er aktivieren müsste, um das Häufchen Elend für immer loszuwerden, Reichtum und Erfolg für sich einzuheimsen. Für Tomasz war das Ganze also zu einem Spiel auf Zeit geworden. Es ging um seine Zukunft. Es ging um sein Leben. Eigentlich ging es um alles.
Immer wieder blubberte es im Wasser. Franz und Andreas verfolgten den Weg des Tauchers und schauten dabei immer wieder auf die Karte, die vor ihnen auf dem Boden lag. Es dauerte doch recht lange. Mögen es zehn bis 15 Minuten gewesen sein, in denen die an Land gebliebenen Schatzsucher über das Wasser spähten und zu verstehen versuchten, wo Tomasz gerade herumspazieren würde, wenn kein Wasser in dem See gewesen wäre. Andreas dachte noch einmal an die Geschichte, die ihm Christa erzählt hatte. Er dachte an Gabis Urgroßeltern, die fliehen mussten aus der Stadt und wohl des Geldes wegen umgebracht worden waren. Andreas rechnete auch und kam drauf, dass nun schon über 40 Jahre vergangen waren, dass das fruchtbare Land und dessen Geschichte einfach so zu gespült worden waren. Über 13 Millionen Kubikmeter Wasser, so hatte er nachgelesen, soll der See fassen. „13 Millionen Kubikmeter“, sinnierte er stumm, „eine irre Zahl.“ Andreas dachte auch an die Menschen, die dort lebten, deren Geschichte und Geschichten, an die vielen Existenzen, die einfach so, schwuppdiwupp, dahingeflossen waren. Obschon der Stausee über lange Zeit geplant worden, keinesfalls überraschend gekommen war, „was wäre, wenn der See einfach so von einem auf den anderen Tag einfach wieder weg wäre? Was wäre, wenn die Menschen einfach wieder alle hier wären? Was wäre, wenn sich die Wasserräder wieder drehen, wieder Glas geschliffen werden würde. Was wäre, wenn die Händler aus Böhmen mit ihren Wägen wieder durch die Lande ziehen, die Schmuggler wieder schmuggeln würden? Könnte man nicht einfach wieder alles so platzieren wie es früher einmal gewesen war? Könnte man das nicht, so wie die Eisenbahnliebhaber es tun, mit ihren Zügen, Geleisen, Häusern, Bäumen und vor allem mit Menschen? Könnte man das alles einfach nicht wieder aufbauen? Einfach so altes Leben von neuem erschaffen? Könnte man …“
„Andi!!!“ Franz schrie irrsinnig laut. „Andi! Tomasz hat was gefunden!“
„Ja, ich sehe es, ganz langsam zieht er etwas vor sich her“, freute sich Andreas und konnte gerade noch Gabi fest umschlingen, die vor lauter Anspannung gepaart mit einer Überdosis Glücksgefühl auf dem Weg war, in Ohnmacht zu fallen.
„Franz, hilf mir, die Gabi“, schrie nun auch Andreas.
Blitzartig drehte sich der dicke Mann um, warf seine Zigarette auf den Boden, lies sein Bierglas fallen – welches glücklicherweise auf Gras plumpste, deshalb heil blieb – und eilte seinem Freund zu Hilfe. Mit vereinten Kräften setzten sie Gabi behutsam ab.
„Puh, vielen Dank euch“, schnaufte sie noch ein wenig, als sie ein paar Augenblicke später wieder zur Besinnung gekommen war.
„Müssen wir uns Sorgen machen?“ Andreas hatte Bedenken ob des spontanen Schwächeanfalls. „Möchtest du etwas trinken?“
„Nein, schon gut. Das passiert mir ab und zu. Ist so eine Frauensache. Ist völlig normal.“
„Ach so, na dann.“ Franz hatte gerade keine Zeit, sich über ‚so eine Frauensache‘ Gedanken zu machen, wollte er doch unbedingt wissen, ob Tomasz nun wirklich den Schatz gefunden hatte. Hätte er allerdings ein wenig nachgedacht, wäre er vielleicht draufgekommen, was Gabi mit der ‚Frauensache‘ meinte.
Die drei Männer halfen dem erschöpften Taucher aus dem Wasser. Im Schlepptau hatte er eine scheinbar leichte Kiste, rundherum verrostet. Als Franz und Andreas sie aus dem Wasser zogen, klappte plötzlich der Deckel um, und die beiden Freunde konnten oder besser gesagt wollten ihren Augen nicht trauen. Was sie da in der Kiste finden würden, hatten sie so nie erwartet. Denn das, was sie sahen, war … Nichts. Einfach nur Nichts; außer ein paar toten Fischen und Schlamm – Nichts. Zu zweit packten sie die Kiste nochmal an der Seite, kippten sie und gossen deren vermeintlich wertvollen Inhalt auf die Wiese.
Wieder einmal Stille. Franz schaute Andreas an, Andraes schaute Franz an, Tomasz sah die Kiste an, Rudi schaute Gabi an und Gabi schaute alle an. Die Kiste schaute übrigens niemanden an.
„Ihr braucht alle gar nicht so zu schauen“, grinste Franz, der zwischenzeitlich an der Unterseite den entscheidenden Hinweis dafür gefunden hatte, dass es sich bei dem Fundstück tatsächlich um den gesuchten Schatz handeln musste: „Da steht’s. Zwar schon etwas verrostet aber immer noch leserlich genug.“
„Was steht da“, fragte Rudi vollkommen frustriert, mit den Nerven am Ende und innerhalb von Sekundenbruchteilen wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.
„Schaut doch selbst“, fuhr Franz fort: „Da steht: Eigentum der Stadt Regensburg.“
„Stimmt“, bestätigte Andreas und schloss sich dem Grinsen seines Freundes an: „Wenn da Eigentum der Stadt Regensburg steht, dann kann es sich wohl auch nur um ein Eigentum der Stadt Regensburg handeln. Ergo muss das unsere Schatzkiste sein.“
„So ein Mist.“ Wie ein wilder Stier stampfte Schnappi Müller auf den Boden. „So ein Mist“, wiederholt er sich, und nochmal: „So ein Mist, so ein Mist, so ein Mist!“
„So ein Mist“, radebrach nun auch Tomasz, seinen Auftraggeber imitierend und brachte damit alle anderen zum Lachen.
„Lacht ihr nur“, schrie Rudi plötzlich aus voller Kehle und drohte lauthals: „ihr werdet schon sehen, wie weit ihr damit kommt.“
„Mal langsam“, grätschte Franz dem Journalisten in die Seite, „was werden wir sehen? Dass du keinen Artikel über die Sache schreiben wirst? Dass dein Redakteur dich auslachen wird, weil du ihm nur Mist erzählt hast? Und dass du den ganzen Schrott in deinem mega-geilen Lieferwagen nur geklaut hast?“
So eine Reaktion hatte niemand erwartet. Vor allem nicht Rudi Müller, der erst einmal nach Luft ringen musste und dann zu seiner Verteidigung nur noch ein „Leckt mich doch!“ über die Lippen brachte. Mit hochrotem Kopf drehte er der Gruppe den Rücken zu und lief die kleine Anhöhe hinauf und verschwand.
„Franz? Was hast du da getan?“ Verstört sah Gabi dem großen dicken Mann in die Augen.
„Das, liebe Gabi, was ich schon gestern hätte machen sollen. Aber da uns der Depp ja einen Taucher organisieren wollte, dachte ich, es wäre besser noch einen Tag lang damit zu warten.“
„Womit zu warten, Franz?“ Gabi verstand plötzlich die Welt nicht mehr.
„Andreas weiß genau, was ich meine, Gabi. Schau her, ich zeig’s dir.“ Sagte es und zog sein Smartphone aus der Tasche und blätterte in der Fotogalerie bis zu dem Bild, das er im Gasthaus gemacht hatte, als Rudi am Telefonieren war. Bis ins kleinste Detail erzählte er der entsetzten Frau was passiert war tags zuvor, ersparte ihr auch nicht die Bezeichnungen ihrer Person, die Rudi für sie am Telefon benutzt hatte.
Dass die Sachen aus dem Mercedes gestohlen waren, hatte er übrigens von seinem Freund Max, dem Polizeikommissar. Franz hatte ihm am Telefon erzählt, dass er nach einem Schatz tauchen würde und Max hatte im Gegenzug dazu mal wieder ein paar Details über einen bisher unaufgeklärten Diebstahl rausgelassen, bei dem unter anderem auch ein teurer Taucheranzug – eine Spezialanfertigung aus Agadir – entwendet worden sein soll.
„Oh Mann, und ich habe dem Kerl immer wieder eine Chance gegeben“, sagte Gabi traurig.
„So ist das eben, Gabi“, tröstete Andreas, „einen echten Freund zu finden, ist nicht einfach. Nicht wahr, Franz?“
„Ja! Aber jetzt kommt mal wieder auf die Beine, Leute. Wir sind ihn los. Was wollt ihr mehr? Der kommt bestimmt nicht wieder! Und ich ruf jetzt mal schnell den Max an, damit er den Rudi Müller auf die Fahndungsliste setzen kann.“
Während Franz mit Regensburg telefonierte, fiel Andreas plötzlich ein, dass sie fast jemanden vergessen hätten; Tomasz. Der saß noch immer im Gras mit dem Neopren-Anzug aus Agadir und verstand die Welt nicht mehr. „Gabi, habt ihr noch ein Zimmer frei für unseren Wasserhelden? Ich glaube nicht, dass er in die Suite zurückkehren möchte.“
„Sicher Andi, ich rede mal mit dem Chef, erzähl‘ ihm alles und dann wird sich sicher für ein, zwei Tage was finden.“
„… ach ja, Max“, beendete Franz das Telefongespräch, „… den Neopren-Anzug bekommt ihr nachgeliefert. Den hat grad noch unser Taucher-Freund an. Pfiadi, dann, servus!“ Sagte es, lachte und legte auf.
„Max wird sich um die Sache kümmern“, berichtete Franz zufrieden. „Die werden ihn bald haben. Von Hillstett aus gibt’s ja glücklicherweise nicht allzu viele Straßen nach Regensburg.“
„Na dann“, reichte ihm Andreas die Hand, „gratuliere!“
„Gratuliere wofür?“ Franz verstand die Geste nicht.
„Na, für den Schatz“, kicherte Andreas vergnügt.
Leicht verwirrt brachte Franz spontan ein „Ach so, ja, danke, euch auch allen“ heraus und fügte an: „Dann mal los, ich glaube wir haben heute viele Gründe zu feiern, oder? Auf ins Gasthaus, ich denke, dass wir da heute ein wenig länger bleiben werden als sonst.“
Darf es ein bisschen Überraschung sein?
Wie die Zeit vergeht. Es war schon wieder Nachmittag geworden, kurz nach 14 Uhr, als die vier übrig gebliebenen Schatzsucher müde und kaputt auf dem Parkplatz vor dem Gasthaus in Gütenland einsteuerten. Gabi war bei Andreas im BMW-Cabrio mitgefahren und Franz hatte Tomasz mitgenommen. Mangels Sprachkenntnisse konnten sich die beiden nicht wirklich etwas erzählen. Franz‘ sensible und vor allem aufmerksame Art und gute Beobachtungsgabe sollten allerdings ausreichen, um zu verstehen, dass Tomasz nicht nur erschöpft und müde war, sondern vor allem traurig. Und es machte Franz traurig, weil er ihm nicht helfen konnte.
Als erster war Andreas aus seinem Cabrio gesprungen. Stolz hastete er um sein kleines Auto und öffnete Gabi wie ein Gentleman die Tür. „Danke Andi, hilfst du mir noch die Sachen in die Küche zu tragen?“ Kaum hatte sie es ausgesprochen, war der kleine Mann auch schon in Richtung Kofferraum unterwegs, hatte ihn aufgemacht und damit begonnen, darin herum zu räumen. „Franz, helft mir mal“, rief er laut und winkte seinem Freund, der seinen geliehenen Lieferwagen dieses Mal etwas schneller hatte einparken können als am Vormittag.
„Mann bin ich fertig“, ächzte dieser fast aus dem Sprinter fallend und fügte müde an: „Ich komme.“ Auch seinem neuen polnischen Freund gab er ein Zeichen und sagte: „Komm Tomasz, wir dürfen helfen.“
Gemeinsam trugen die vier die Reste des bayerischen Frühstücks vom Parkplatz über den Außeneingang direkt in die Küche.
„Da seid ihr ja endlich“, begrüßte der Wirt das Schatzsucher-Gespann. „Gabi hatte mir schon per SMS avisiert, dass sie drei hungrige Männer mitbringen würde.“
Das hätten die beiden Freunde nicht erwartet. „Wie, avisiert“, entgegnete Franz ein wenig durcheinander.
„Na ja“, wiederholt der Wirt das Ganze auf Bayrisch: „Gschrim hods mas halt, dass z’es Hunger habts.“
„Ja, ich versteh scho“, schmunzelte Franz, „avisiert hoid, i versteh di scho. Und jetzad?“
„Und jetzt setzt euch her da, dann gibt’s gleich was zum Essen und zum Trinken.“
„Des is a Service, Andi; echte bayerische Gastfreundschaft!“
„Kreizdeifi wo is des Weizen. Hau mas weg, kumm!“
In holder Glückseligkeit auf ihr frisches Weizenbier wartend setzten sie sich an den Tisch gleich in der Nähe der Schenke. Eine gute Wahl, denn dann wäre der Weg nicht so weit vom hämischen Durst zum vollen Glas. Tomasz setzte sich mit dazu, schien aber immer noch vollkommen durch den Wind.
„Was ist los, Tomasz?“ Franz merkte gleich, dass der junge Mann nicht durchblickte und nahm deshalb eine fragende Pose an, die keiner Worte bedurfte, um zu begreifen, was er damit meinte. Doch Tomasz senkte nur seinen Kopf und schüttelte ihn.
„Hat er vielleicht Heimweh?“ Nun klinkte sich Andreas ein und stellte ihm das erste Weißbier, das der Wirt soeben an den Tisch gebracht hatte, direkt vor Tomasz‘ Nase. Doch auch damit ließ sich der traurige Mann nicht aufmuntern. Demonstrativ schob er es ein Stück zu Seite, als wolle er sagen: „Nein, das ist es nicht.“
Da kam Gabi durch die Vordertür herein und rief: „Hey Jungs, Taxi aus Regensburg. Jan sitzt drin!“
„Jan? Wer ist das?“ Andreas überlegte stramm. „Sollten wir den kennen?“
„Na, einer von Mareks Freunden, kommt schon!“
Als er die Worte „Taxi“ und „Jan“ gehört hatte, war Tomasz schon längst aufgesprungen und hinaus Richtung Parkplatz gelaufen. Noch bevor Andreas und Franz kapiert hatten, wen Gabi eigentlich damit gemeint hatte.
Als es die beiden Detektive schließlich auch bis vor die Tür geschafft hatten, lagen sich Jan und Tomasz bereits in den Armen und Andreas meinte nur: „Jetzt verstehe ich seine Verbitterung. Einen Freund zu vermissen ist eines der schlimmsten Dinge, die es gibt.“
„Mei, bist du heid wieder romantisch, Andi. Owa so richtig“, kicherte Franz.
„Na ja, du würdest mich auch vermissen, wenn ich im Gefängnis säße und du nicht wüsstest, was mit mir passiert, oder?“
„Hm.“ Franz pausierte.
„Jetzt sag schon“, drängelte Andreas.
„Na klar. Weißt du doch.“ Sagte es, legte seinen Arm auf Andreas‘ Schultern und drückte ihn einmal ganz fest.
Kurze Zeit später saßen dann alle vier Männer wieder an dem Tisch gleich neben der Schenke, tranken gemeinsam mit einem frischen Weißbier auf ihr Wohl und ließen sich die Brotzeit schmecken, die Gabi Holzplatte für Holzplatte aufgetischt hatte. Zwischenzeitlich hatten Franz und Andreas mit Hilfe von Zeichensprache auch schon herausgefunden, dass Marek und Stanislav wohl einsitzen würden und Jan heute Vormittag freigelassen worden war. Tomasz hatte daraufhin seinem Freund auch von der Schatzsuche erzählt, dass sie nichts gefunden hätten und dass Rudi Müller einfach so davon gefahren sei.
Da klingelte plötzlich Franz‘ Telefon. Max war dran. Nur einen kurzen Moment lang schäkerten die beiden, als Franz‘ Gesichtszüge plötzlich nachdenklich wurden. Er stand auf und entfernte sich ein wenig vom Tisch, ging aufgeregt in dem Gastraum umher, bis er schließlich nach über zehn Minuten zurück an den Tisch kam, sich erschöpft auf den Stuhl fallen ließ, zuerst Gabi, dann Andi in die Augen sah und sagte: „Leute, das glaubt ihr nicht.“
„Was sollen wir nicht glauben. Rück raus mit der Sprache“, hakte Andreas nach.
„Leute, das glaubt ihr wirklich nicht“, zog er den Erzählbeginn der Geschichte, die ihm Max gerade eben wie immer „unter aller Verschwiegenheit“ anvertraut hatte, in die Länge.
„Franz, bitte“, gebot Gabi in aller Höflichkeit.
„Also gut. Ihr werdet es nicht glauben, Rudi Müller ist tot!“
„Tot?“ Andreas schaute verdutzt.
„Wie tot?“ Auch Gabi zweifelte an Franz’ Ernsthaftigkeit und nahm an, er würde scherzen.
„Na ja, mausetot eben“, sagte Franz und fügte an: „Sie haben ihn gerade vor seiner Wohnung in dem Lieferwagen gefunden. Nur ein Schuss, direkt in den Kopf. Gezielt. Max meinte, es könnte ein Profi gewesen sein. Der Winkel, in dem ihn die Kugel getroffen hat. Das bekäme man nicht so einfach hin.“
Wie ein harter Schlag hatte Gabi diese Nachricht getroffen. Tränen schossen in ihre kleinen lieblichen Augen. Andreas reichte ihr eine Serviette vom Tisch.
„Tut mir leid“, schluchzte sie.
„Du musst dich deiner Tränen nicht schämen, Gabi“, tröstete Andreas und nahm sie in den Arm. „Ihr wart ja lange Zeit befreundet. Du hast ihn sicherlich schon anders erlebt als wir ihn kennenlernen durften.“
„Na ja“, fasste sie sich langsam wieder, „wisst ihr, ich bin selbst aus Rudi nie wirklich schlau geworden. Es gab Tage, da war er der liebste Mensch auf der Welt. Und dann, wie gestern, ihr wisst es ja, waren ihm immer wieder mal die Sicherungen durchgeknallt. Ich mochte ihn, ja. Aber beste Freunde hätten wir niemals werden können. Für solch eine Verbindung war er einfach immer schon der falsche Charakter.“
„Vergiss ihn, Gabi, der ist es nicht wert“, drängelte Franz. Er hatte den Regensburger ja schon von Anfang an nicht ausstehen können.
„Weißt du, Franz, vergessen werde ich ihn nie, allerdings auch nicht intensiv an ihn denken. Dafür hat er mir zu sehr wehgetan.“
„Ich mag deine Einstellung, Gabi. Das beweist Charakter“, betonte Andreas. „Das ist eine Gabe, an der es vielen Menschen in der heutigen Zeit mangelt.“
Franz griff zu seinem Weißbierglas, erhob es und sprach: „Lasst uns feiern Leute, denn wir haben heute einen Schatz gehoben. Lasst uns feiern, auch wenn wir keinen Euro reicher geworden sind. Lasst uns feiern, denn was ist schon Reichtum, wenn dir der größte Schatz im Leben verwehrt bleibt: Wahre Freundschaft!“
Auf der Suche nach dem Jahrhundertfund
Vor gut zweieinhalb Monaten hatten die beiden Freunde die Silbermünze aus dem Eixendorfer Stausee gefischt. Zweieinhalb Monate sind eine lange Zeit, in der sich die Welt für gewöhnlich ein paar Mal grundlegend verändern kann.
Gabi hatte in der Zwischenzeit ihren Roger geheiratet. Wurde auch Zeit, denn wie sie Andreas und Franz einige Tage nach der mehr oder weniger erfolgreichen Schatzsuch-Aktion in einer ruhigen Minute mitgeteilt hatte, sei sie schwanger von ihm. Und weil Roger gut verdient, ist sie dann weggezogen mit ihm. Nach Oberbayern. Es war ihr Wunsch, wegzugehen. Mit dem Fund der Geldkiste war ein Fluch von ihr genommen worden. Endlich hatte sie Ruhe gefunden und das Rätsel um ihre Urgroßeltern gelöst.
Marek wurde vom Staatsschutz nach Polen überführt und angeklagt. Nicht wegen des Nummernschildes. Im Vergleich zu all den anderen Straftaten, die er nach seiner Zeit als Agent verübt hatte und die man ihm dann schließlich auch noch fast alle hatte nachweisen können, war der Kennzeichendiebstahl nicht mal eine Bagatelle. Seine „Ex-Kollegen“ hatten ihn verpfiffen. Er sitzt seitdem in Haft. 20 Jahre mindestens.
Stanislav wurde ebenso in Polen vor ein Gericht gestellt. Ihm wurde Bandenhehlerei vorgeworfen. Auch er musste einsitzen: acht Jahre. Bevor er seine Haft allerdings antreten dürfte, sollte er in einer psychiatrischen Klinik seine Alkoholsucht unter Kontrolle bekommen.
Jan kehrte in seine Heimat zurück und arbeitet weiterhin auf dem Bauernhof seines Vaters. Sein mittlerweile bester Freund Tomasz ist in Deutschland geblieben. Andreas hatte ihm einen Job in einem Automobilwerk verschafft, in dem er seither arbeitet und sich fernab der Heimat ein neues Zuhause aufbaut. Jan und Tomasz treffen sich regelmäßig, ein bis zwei Mal im Monat. In Polen. Jan ist ja leider an seinen Bauernhof gebunden und freut sich jedes Mal wieder wie ein kleines Kind, wenn er durch Tomasz ein wenig Ablenkung und die neuesten Nachrichten aus Bayern und Tomasz‘ neuem Leben erfährt.
Im Rahmen ihrer Ermittlungen ist die Kriminalpolizei im Hause des ermordeten Regensburger Journalisten Rüdiger Eichhorst, alias Rudi Müller, auf Unterlagen gestoßen, die zwar keine direkten Namen aus dem Netzwerk des Toten nennt, allerdings Rückschlüsse zulässt auf Verbindungen. Franz‘ Freund Max hatte bei einem Bierchen wieder mal zu viel geplaudert und behauptete ihm gegenüber, dass in den kommenden Monaten wohl erste Hausdurchsuchungen stattfinden würden und sich einige „wichtige Personen“ der Domstadt schon mal warm anziehen könnten. Rüdigers Mörder wurde bisher noch nicht gefunden. Wer ihn getötet hat, bleibt für die Kripo bis auf weiteres ein Rätsel. Max vermutet allerdings, dass jemand aus Rudis Netzwerk einen Scharfschützen organisiert haben könnte. Dafür fehlen allerdings noch immer die Beweise.
Und Franz und Andreas?
Die sind heute wieder, gerade jetzt in diesem Moment, am Eixendorfer Stausee unterwegs. Unterwegs in der Natur, unterwegs zum Gasthaus, um nach einem Spaziergang ein paar Weißbier zu trinken. Insgeheim aber auch, um zu gucken, ob sie wieder mal eine Münze finden im See.
„Hey, schau mal“, sagt Franz. „Da ist eine Münze im See; eine ausgesprochen prachtvolle heute.“
„Psssssssssssssss! Spinner. Von wegen. Du glaubst doch nicht tatsächlich, dass uns jedes Mal, wenn wir hier auf der alten Bahnstrecke in Richtung Gütenland entlang spazieren, eine Münze aus dem Wasser anblinzelt.“
„Irgendwann finden wir schon mal wieder eine, Andreas.“
„Vielleicht. Aber weißt du, Franz, einen Punkt haben wir bisher vollkommen vergessen, zu klären.“
„Was meinst du? Wer heute das Bier bezahlt?“
„Nein. Ich weiß, dass ich dran bin. Aber es gibt wirklich etwas, was uns der See bis heute noch nicht verraten hat.“
„Ich weiß schon, was du meinst“, antwortet Franz. „Die leere Kiste. Die Münzen. Sie waren nicht mehr da. Sie waren weg.“
„Exakt. Die Münzen waren nicht mehr da. Und weißt du was ich denke? Ich denke, dass es Curt und Rebekka seinerzeit ziemlich eilig hatten, die Kiste zu verstecken. Ich vermute, sie waren auf der Flucht vor ihrem Mörder, wollten die Beute in Sicherheit bringen. Vielleicht wollten sie die Kiste auch einfach nur verstecken, weil sie Angst hatten, gefasst zu werden. Und in all der Hektik hatten sie vergessen, das Ding richtig zu verschließen oder vielleicht auch so zu verstauen, dass ihm weder Wind noch Wetter etwas hätten anhaben können. Und Jahre später, als das Wasser kam, wurde die Kiste aufgeschwemmt. Die Münzen wurden ausgespült, weggeschwemmt und über den ganzen Grund des Sees verteilt. Nur so kann ich mir vorstellen, dass es uns gelungen war, eine davon zu finden.“
„Ich finde deine Idee mehr als genial.“
„Danke. Weißt du, was ich noch denke, Franz? Bei Vollmond, wenn am Himmel die Sterne leuchten, kann man die Münzen am besten sehen. Da sucht sich jeder Stern eine Münze aus und erhellt sie. Ich glaube, dass die, die uns von oben auszuschauen, an diesen Tagen ihre wahre Freude an dem Schauspiel haben. Das muss phantastisch aussehen. Weißt du, genau an diesen Tagen denken sie dann, wie schön es ist, dass es Menschen gibt, die keinen Wert auf Macht und Reichtum legen, sondern nur darauf, mit einem wahren Freund an der Seite durchs Leben zu gehen, und die gemeinsame Zeit, so lange es geht, zu genießen.“
EPOLIG (2024)
Dinge ändern sich. Menschen werden älter, verändern sich. Stündlich, minütlich, sekündlich. Noch immer bin ich der Ansicht, dass Freundschaft zu den wichtigsten Dingen im Leben gehört, weil gerade die gemeinsamen Erlebnisse für immer verbinden, und der Mensch nicht darauf ausgelegt ist, sein Leben alleine in Einsamkeit zu verbringen.
Dennoch hat sich in den vergangenen Jahren gezeigt, dass Freundschaft nicht gleich Freundschaft ist, wie die Analogie des Baumes hervorragend beschreibt. Ein Baum besteht dem Grunde nach aus Wurzeln, Ästen und Blättern.
Wurzeln: Diese repräsentieren die tiefsten und engsten Freundschaften, die wir haben. Diese Freunde sind wie die Wurzeln eines Baumes, die uns Stabilität und Unterstützung bieten.
Äste: Diese stehen für Freunde, die zwar nicht so eng sind wie die Wurzeln, aber dennoch eine wichtige Rolle in unserem Leben spielen. Sie unterstützen uns, aber nicht in dem Maße wie die Wurzeln.
Blätter: Diese sind wie Bekannte oder oberflächliche Freundschaften. Sie können kommen und gehen, ähnlich wie Blätter im Wind, und haben nicht die gleiche Bedeutung und Beständigkeit wie die Wurzeln oder Äste.
Als ich das Buch zu schreiben begonnen hatte, dachte ich, die Wurzeln des Baumes erreicht zu haben und angekommen zu sein. Die große Zeit der Lügen jedoch, die ab 2020 die ganze Welt erfasst und Tausende von Keilen in die Gesellschaft getrieben hatte, zerstörten mein Bild vollends. Aus den Wurzeln wurden Äste, aus den Ästen wurden Blätter. Es dauerte nicht lange, da ließ der Herbst die Blätter fallen und der Winter die Freundschaft(en) ins ewige Eis versinken.
Bis heute – es sind mittlerweile über drei Jahre – habe ich nichts mehr von „den Freunden“ von früher gehört. Von einem Tag auf den anderen waren sie einfach nicht mehr da. Und jetzt, nach Monaten der Selbstreflexion, bin ich sehr froh darüber, dass sie nicht mehr da sind. Denn sie haben mit ihren Worten, Taten und Angriffen auf meine Person gezeigt, welch Geistes Kind sie sind. Ich wünsche ihnen alles Gute. Alles Schlechte brauche ich ihnen gar nicht zu wünschen, das kennen sie nur gut genug.
Zwischenzeitlich habe ich wieder Mut gefasst und den festen Willen, meinem zweiten Buch richtig Leben einzuhauchen. Die Geschichte steht, auch sie handelt von Freundschaft – allerdings ist die Ausgangssituation eine andere. Denn Freundschaft entwickelt sich nicht aus dem Wollen-Müssen. Sie entsteht im Herzen. Oder in der Tiefkühltruhe. Aber dazu in Kürze mehr.


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